Verena Blum-Bruni: Huufyse mit Gomfi

Verena Blum-Bruni berichtet vom Berner Länggassquartier, als noch Trams fuhren, die Schanzenbrücke für den Wintersport genutzt wurde, die Uni Tobler noch Schokolade produzierte, beim Tierspital noch Gärten gehalten wurden und als im Bremer noch die Formel 1 holpernd und schwarz rauchend zwischen den Baumstämmen hindurch preschte.

Um was gehts?

In herzhaftem Stadtberndeutsch berichtet Verena Blum-Bruni vom Leben ihrer Grosseltern, die von 1930 bis 1980 die Wohnung an der Länggassstrasse 74 im vierten Stock rechts bewohnten. Bei genauerer Betrachtung sind noch heute die Wasserspuren von Fridas berühmten Geranien an der Fassade erkennbar. 

Während die Länggasse sich in diesen 50 Jahren allmählich von einem Arbeiter- und Gewerbequartier zu einem Dienstleister- und Akademikerviertel entwickelte, lebten Blum-Brunis Grosseltern glücklich und «gschäftig» in ihrem Bijou in der Nummer 74. Wenn Verena zu Besuch kam, durfte sie Frida machmal mit dem Tram in die Stadt und zu den Kommissionen begleiten. Dazu weiss sie eine amüsante Anekdote:

Unger ar Schanzebrügg faat eigentlech d Stadt ersch aa, gäge Loeb zue bim Traminseli mit em Kiosk heissts usstyge. Dert isch geng es Gnuusch uf der Strass, ds Yspure um e Loebegge choschtet die arme Fahrschüeler mänge Schweisstropfe, u der Tschugger pfyft hässig u fuchtlet, we d Fuessgänger säubständig übere lauere. We frächi Giele uf em Velo dürechutte u lut zwöi mau «tsch tsch» zische, ergeret sech der Ordnigshüeter. Das heisst für Insider «Tschou Tschugger», aui wos wüsse, grinse, usgno der Polizischt.

Ein Familienporträt mit viel Liebe

Liebevoll und in handlichen Kapiteln porträtiert Verena Blum-Bruni ihre Grosseltern und das Gesicht der Länggasse zur Zeit, als sich «di gmüetlechi Mutzestadt […] i churzer Zyt i ne rouchnende Hotspot» verwandelte. Brun-Blumi erzählt uns von Walter, dem eingefleischten «Ysebähnler», der das gesamte Streckennetz der BLS auswendig kannte und überall hingereist war. An freien Tagen stapfte er mit seiner Fischerrute los und genoss lange Tage am neu gebildeten Wohlensee – ganz egal, ob es regnete oder die Sonne schien. Die geangelten Fische landeten abends auf dem Teller.

Frida, die Grossmutter, wird für ihren Kleiderschrank und ihre Kochkünsten zutiefst bewundert. Nur diese eine Sache gelang ihr nie: Die heiss geliebte Nascherei aus der Bäckerei Raemy, die sich «Huufyse mit Gomfi» nannte, selber zu backen. Frida war eine Hausfrau durch und durch. Sie sammelte Pilzen im Bremer (Bremgartenwald), pflegte ihren eigenen Garten, ihre Vorräten im Keller glichen manchmal gar einem Lebensmittellädeli. Frida stopfte Socken und erneuerte Hemdkragen, sie wusch von Hand und bügelte. Sie war eindeutig Königin ihres Reiches.

Auch von der jüngeren Generation ist die Rede, insbesondere von Heiri, Verena Blum-Brunis Onkel. Mit bewundernden Worten erzählt sie, wie er auf dem Treppengeländer aus dem 4. Stock bis ins Erdgeschoss sauste – und vom ungemütlichen Vorfall mit der ungeliebten Frau Nachbarin Graber. Natürlich musste er sich bei ihr für den Zusammenstoss entschuldigen, natürlich musste er die Eier von der Wand wischen und natürlich rutschte er auch danach wieder in vollem Garacho auf dem Treppengeländer.

Wie die Zeit vergeht!

Huufyse mit Gomfi ist ein Zeitdokument darüber, wie das Berner Länggassquartier aussah, als noch Trams fuhren, die Schanzenbrücke für den Wintersport verwendet wurde, die Unitobler noch keine Doktortitel, sondern süsse Schokolade produzierte, beim Tierspital noch Gärten gehalten wurden und als im Bremer noch die Formel 1 holpernd und schwarz rauchnend zwischen den Baumstämmen hindurch preschte.

Für alle Stadtberner unter euch: Unbedingte Kaufempfehlung! Aber auch für alle andern, die Mundart verstehen: «Huufyse mit Gomfi» ist ein sehr eindrückliches Buch darüber, wie die Zeit vergeht. Vorallem: Wie rasch sie vergeht! Die Geschichten von Walter und Frida sind lediglich rund 70 Jahre alt und dennoch erscheint es einem heute als wären seither mindestens Jahrhunderte vergangen.

Ich als Stadtbernerin, die selbst während einigen Jahren im Länggassquartier gewohnt habe, bin beeindruckt und schätze dieses Buches sehr. Mein Zuhause nimmt plötzlich andere Farben an und ich freue mich sehr darüber, dass viele Ecken der Stadt nun neue alte Geschichten erzählen. Nostalgie pur.

Huufyse mit Gomfi – Gschichte us der Länggass

von Verena Blum-Bruni

Zytglogge Verlag | 2020 | 160 Seiten

ISBN 978-3-7296-5030-5 | Taschenbuch

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar vom Verlag

2 Kommentare

  1. Karin Massag aus Wohlen

    Ich finde die Idee, das Länggassquartier durch die Augen der Großeltern zu erleben, unglaublich charmant. Es zeigt, wie viel Geschichte und Erinnerungen in jedem Winkel unserer Stadt stecken. Die Anekdoten und liebevollen Details machen die Erzählung so authentisch und greifbar. Auch die Tatsache, dass die Geschichte in Mundart erzählt wird, gibt dem Buch eine ganz besondere Note. Ich freue mich darauf, mehr über das alte Bern zu erfahren.

    Antworten
  2. Noëmi

    Liebe Karin, da bin ich absolut einverstanden und gleicher Meinung. 🙂

    Antworten

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