REZENSION | Frank Berzbach: Die Schönheit der Begegnung

Es sind zweiunddreissig Geschichten über den Anfang einer grossen Liebe. Allesamt analoge Begegnungen, facettenreiche Begegnungen, leidenschaftlich, natürlich – magische Momente, in denen zwei Seelen zueinanderfinden, ganz ohne Kitsch und völlig egal an welchem Ort, zu welcher Zeit oder unter welchen Umständen. 

Um was gehts?

«Der namelose Ich-Erzähler und Linh lieben einander. Als Linh ihren Lebensgefährten bittet, den Anfang ihrer Geschichte aufzuschreiben, lässt der sich eine gute Story nicht durch Fakten verderben und beginnt, Variationen zu erfinden. Aus einem Anfang werden viele. Der Erzähler fühlt sich frei im Verändern der Schauplätze, Situationen und Ereignisse. Die Geschichten springen in Ort und Zeit, changieren zwischen Humor und Nachdenklichkeit, Realismus und Magie, Philosophie und Romantik. Aber jede enthält einen Funken Wahrheit. 32 Mal begegnen sie einander, 32 verschiedene Anfänge sind es, doch der Schluss ist (fast) immer der gleiche: Alle zusammengenommen lassen die Variationen das Bild einer grossen Liebe entstehen.»

Klappentext © Eisele-Verlag

32 Variationen einer Begegnung oder eine Schachtel Pralinen

Ich sass an einem der kleinen Tische draussen vorm Café Mimosa. Die Kellnerin sah aus wie eine Vorstadt-Lolita, vielleicht Türkin oder Perserin, lange Fingernägel und ein rotes Kleid. Langsam ging sie von Tisch zu Tisch, ich war in die Zeitung vertieft. […] Am Tisch links neben mir sass eine Frau in rotem Polo-Shirt, hochgeschlossen, wie ich es liebte. Es war nicht von Fred Perry, doch mein Kopf projizierte ständig das Logo darauf. Vielleicht war es aber so auch schon perfekt, weil es nicht das klassische Shirt war, weil es anders war, dezenter, aus feinem Stoff.

Du kennt das, oder? Du liest ein Buch, schon nach dem ersten Kapitel hat dich die Autorin oder der Autor an der Angel, du wirst von der Dynamik mitgerissen, verstrickst dich mit der Geschichte und tauchst völlig ein in diese Welt der Phantasie. So lese ich bei einem guten Buch problemlos mal 200 Seiten am Stück.

Doch hier war das anders. Versteht mich bitte nicht falsch – ich hätte es ohne Mühe in einem Schnurz durchlesen können. Aber ich wollte nicht. Ich wollte nicht, dass es endet, ich wollte die Leere nach der letzten Seite möglichst lange hinauszögern. Ich wollte die einzelnen Seiten geniessen, mir die Atmosphäre auf der Zunge zergehen lassen, die Situationen nachempfinden. Ich wollte eine Variation lesen und diese nachwirken lassen. Und dann noch eine. Und noch eine. 

Das Schreiben ist meist ein konzentriertes, einseitiges und einsames Gespräch. Es gibt kein Schreiben ohne Sehnsucht. Wir schrieben beide, als wir zum ersten Mal nebeneinandersassen.

Es fühlte sich an, als würde ich eine Schachtel Pralinen naschen. Süss, mit unterschiedlichem Geschmack, nicht zu viel aufs Mal, nicht dem Magen oder der Hüft zuliebe, nein. Sondern weil sonst der Goût des Einzelnen seine Wirkung verlöre. Stattdessen die Schönheit dieser Begegnungen auskosten. Glaub mir, dieses Buch fühlt sich einfach gut an!

Du hast mir das Hemd ausgezogen, und am nächsten Morgen hattest du es am Frühstückstisch an. Die andern waren wieder da, wir hatten gar nicht mitbekommen, wann sie gekommen waren. Ich trug einen Pullover, der herumgelegen hatte, ich weiss bis heute nicht, von wem. Etwas zu klein war er. Du hast das kragenlose Hemd einfach behalten. Und so hat es begonnen.

Ein Buch für jedes Bücherregal

Frank Berzbach ist nicht nur Autor. Er ist auch Literaturpädagogik- und Philosophie-Dozent an der Technischen Hochschule in Köln. Während seines Studiums jobbte er als Bildungsforscher, Wissenschaftsjournalist und Fahrradkurier. – Und ich behaupte er ist auch ein bisschen Rhapsode*.

Mit «Die Schönheit der Begegnung» schreibt Berzbach eine Geschichte in 32 Farbtönen, eine musikalische Palette des Wies dieser Geschichte. Wie und wo waren die ersten Blicke, die ersten Worte, die getauscht wurden, welche Musik spielte, wie war der Geschmack in der Luft, wie war das Gefühl in der Brust? Ein literarisches Meisterwerk über die Liebe, ein Herzensbuch. Eine Buchperle, die wie ich finde, in jedes Bücherregal gehört. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Liebe, die es portraitiert, diese bedingungslose, einfache Liebe, sie trifft uns alle – wo und in welcher Form auch immer. 

Ganz klar eine Leseempfehlung von meiner Seite. Ich wünsche dir wunderschöne und genussvolle Lesestunden. 💚

* Die Rhapsoden waren wandernde Sänger im antiken Griechenland, die mit einer Leier in der Hand durchs Land zogen und Geschichten vortrugen. Sie waren die Väter der Rhetorik und für Geld und Prestige massen sie sich an Wettbewerben damit, wer eine Geschichte am mitreissendsten erzählen konnte. Alle trugen sie dieselbe Geschichte vor. Es entschied nicht was, sondern wie erzählt wurde. Am Ende gewann schliesslich derjenige, welcher beim Publikum die grössten Emotionen und den tosendsten Applaus hervorgerufen hatte.

FRANK BERZBACH
DIE SCHÖNHEIT DER BEGEGNUNG – 32 VARIATIONEN ÜBER DIE LIEBE
© Eisele-Verlag
ISBN 978-3-96161-078-5
Erschienen im Februar 2020
Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen
192 Seiten

Weitere Buchbesprechungen findest du unter Rezensionen.

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