Fritz Vischer: Ansonsten munter

Seit 1977 sitzt Fritz Vischer nach einem Motorradunfall und monatelanger Reha im Rollstuhl. Er ist ein «Tetra», ein «Inkompletter». In seinem Buch schreibt er von «Aufbegehren und Anpassung, von Techniken der Bewältigung und Neuorientierung, von der Behinderung als Chance und Hoffnung als Energiequelle».

Habt ihr euch schon einmal überlegt, wie es ist, von heute auf morgen ein Leben im Rollstuhl zu verbringen? Von der Neuorientierung, der Überwindung von Distanzen und Treppen bis hin zur Bewältigung des Alltags, Körperhygiene, Arbeitswelt, Freundschaften? – Und dann die Frage: Ist dieses Leben denn überhaupt so viel anders?

Um was gehts? 

1977 hatte Fritz Vischer in Venezuela einen Motorradunfall, er überschlägt sich, bleibt liegen. – Später stellt er sich, um Fehlschlüsse und Getuschel vorzubeugen, stets so vor:

Motorradunfall mit Verletzung des Rückenmarks auf Höhe des fünften und siebten Halswirbels. […] Ansonsten bin ich munter.

Fritz Vischer ist ein «Tetra», ein «Inkompletter». Sein bester Freund, Pierrot, hatte weniger Glück. Vischers Rückenmark ist gequetscht, Pierrots durchbohrt. Pierrot lag in der Erstrehabilitation im Bett des Schweizerischen Paraplegikerzentrums rechts von Vischer. Beide sind sie damals in ihren Zwanzigern, haben das Leben noch vor sich. Sie vertreiben sich die 12 Wochen in der Rückenlage mit der Musik der Rolling Stones und dem Blues. Und zum Glück erzählt Pierrot diese herrlich unanständigen Witze! Ihm widmet Vischer sein Buch.

Sprachtheorie, Geschichten und Beobachtungen

Neben Alltagserzählungen und Portraits finden auch sprachtheoretische Überlegungen einen Platz. Vischer bemerkt mit leicht spöttischer Note, wie die Sprache «uns in unseren Rollstühlen» mit der Zeit aufgewertet hat. Aus einem Krüppel oder Invalide wurde ein Beschädigter. Später ersetzte Behinderte den Begriff. Heute gelten sie als Menschen mit Behinderung.

Ich finde es grossartig, wie Vischer nicht Trübsal bläst, sondern realistisch, ehrlich und nüchtern erzählt, wie es nun mal ist. Natürlich berichtet er auch von den Schwierigkeiten im Leben eines Rollstuhlfahrers, dies jedoch ohne zu jammern.

Es erfordert vieles, jedenfalls mehr als vor dem Unfall, dass wir uns sicher und geborgen fühlen, uns unbekümmert der Leichtigkeit des Seins hingeben. Es gibt sie aber, diese Momente.

Der Alltag vollzieht sich langsamer, bewusster, organisierter. Vischers Blick auf die Welt verschärft sich dabei:

Je besser es uns geht, desto mehr richten sich unsere Hoffnungen auf konsumorientierte Wünsche und Anerkennung. Ob sie sich erfüllen, ist nicht lebenswichtig. Dennoch sind wir enttäuscht und gekränkt, wenn sie uns versagt bleiben. Wir opfern uns unseren eigenen überdehnten Sehnsüchten, statt uns mit dem zu bescheiden, was in Griffweite ist.

Eine spannende Überlegung, nicht?

Menschen bleiben Menschen

Ich habe grosse Achtung vor Fritz Vischer. Nicht nur wie er sein Leben reorganisiert und führt, sondern auch für sein vorliegendes Buch, das ich sehr gelungen finde. Es gibt ungeschminkte und differenzierte Einblicke in das Leben eines Rollstuhlfahrers. Für all jene, die bisher wenig Berührungspunkte mit diesem Thema gehabt haben: Herzliche Leseempfehlung! 

Das Buch beweist auch: Obwohl bei einer Rückenmarksverletzung viele neue Herausforderungen im Leben dazukommen, Menschen bleiben Menschen. Sie haben dieselben Bedürfnisse nach Liebe, Achtung, Selbstständigkeit und Normalität. Aussenstehende lassen sich dabei meiner Meinung nach viel zu oft vom Rollstuhl-Gefährt und den eigenen Ängsten und Vorstellungen ablenken. 

In Vischers Worten:

Wir erzeugen Emotionen, sie äussern sich in starker Zuneigung oder einer gewissen Abneigung.

Ansonsten munter – Einsichten eines Rollstuhlfahrers

von Fritz Vischer

Zytglogge Verlag | 2019 | 224 Seiten

ISBN 978-3-7296-5010-7 | Taschenbuch

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar vom Verlag

1 Kommentar

  1. Fritz

    …es bleibt dabei, deine Homepage ist schön.
    Unverändert freut mich deine Rezension.
    Liebe Grüsse,
    fritz

    Antworten

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