REZENSION | Claire Adam: Goldkind

Einen Scheisstag zu spät draussen, der Müll, und schon passiert hier so eine Scheisse!» [Clyde] biss sich auf die Zunge, doch im Kopf schimpfte er weiter: Und dann ist auch noch Joys Schmuck weg, das Haus wurde komplett durchwühlt, und ihm geht ein Arbeitstag durch die Lappen. Und dann Paul und seine Blödheit! Seine ewige beschissene Blödheit!

Um was gehts?

Peter und Paul sind Zwillinge. Peter ist zuerst auf die Welt gekommen, bei Paul hat es länger gedauert – die Nabelschnur hatte sich um seinen Hals gewickelt. Peter ist der Intelligente, der Strahlende, derjenige, der alles kann und den alle lieben. Paul hat eine Lernschwäche, ist nicht gerne unter Leuten, schnell wird ihm alles zu viel, aber schwimmen kann er gut! Paul ist froh, gibt es Peter. Die beiden müssen zusammenbleiben, sagt die Mutter.

Als Clyde, der Vater der beiden Jungs, eines Abends von der Arbeit in der Ölraffinerie nach Hause kommt, ist Paul nicht mehr da. Clyde sucht seinen Jungen und schnaubt: Immer macht Paul Ärger! Die Nacht vergeht, doch Clyde findet den Sohn nirgends. Niemand findet ihn. Schliesslich erhält Clyde einen Anruf. Und dann muss er die Entscheidung treffen, die kein Vater je sollte treffen müssen.

Familiendynamik und Fragen über Fragen

Ich habe mich schon immer für die Dynamiken von Familien interessiert. Jede Familie hat sie, diese eigene Art zu funktionieren. Wie Zahnräder greifen die Charaktere der Familienmitglieder ineinander und beginnen gemeinsam zu blühen (oder glühen). So entstehen die wunderbarsten Geschichten. 

Claire Adam portraitiert in ihrer Erzählung eine Familie aus Trindidad. Sie formt die Figuren bewusst gegensätzlich und lässt die daraus resultierende Familiendynamik zur treibenden Kraft der Geschichte werden.

Während dem Lesen sind mir ganz viele Fragen durch den Kopf geschwirrt. Warum wird zum Beispiel jemand mit einer Lernschwäche so rasch als «zurückgeblieben» oder «dumm» abgetan? Dieser Mensch hat doch einfach andere Qualitäten, als die, welche unsere leistungsorientierte Gesellschaft vielleicht von ihm fordert?

Und darf man als Elternteil einen Sohn (oder eine Tochter) den anderen bevorzugen? Wir kennen es alle aus der Geschichte: Der erste Sohn erbt den gesamten Hof, während das achte Kind, ein Mädchen, Glück hat, wenn es überhaupt noch eine ausreichende Mitgift erhält. Kann ein Mensch denn überhaupt mehr oder weniger wert sein als andere? Wir sind doch alle nackt auf diese Welt gekommen.

Der Schatten im Paradies

Die in Trinidad lebende Autorin gewährt Einblicke in das Leben auf der Paradiesinsel. Besser gesagt: Sie führt in die Schattenseiten der Insel ein. Drogenbosse, die regieren. Polizisten, die keine sind. Einbrüche. Diebstahl. Alkohol. Und gefährliche Tiere im Busch, die einen nächtlichen Spaziergang zur wagemutigen Aktion machen. Jeder auf der Insel weiss: Sobald die Sonne untergegangen ist, hat man zuhause zu sein. 

Der wohlklingende und glänzende Buchtitel hat mich darum doch sehr erstaunt. Obwohl «Goldkind» am Ende durchaus einleuchtend ist, finde ich, dass es anfänglich doch etwas in die Irre führt und etwas anderes erwarten lässt, als das Buch tatsächlich bietet.

Wie dem auch sei – ich fand es auf alle Fälle sehr spannend den Entwicklungen des Buchs zu folgen. Claire Adam arbeitet mit Rückblenden, ändert immer wieder die Perspektive. Im Laufe des Buches lernt man die Figuren besser kennen, allerdings wird die Kennenlernphase mit jedem Perspektivwechsel wieder unterbrochen. Die Figuren blieben mir dadurch eigenartig fremd.

Alles in allem aber ein interessantes Buch, ein Familien- und Gesellschaftsportrait, das jede Menge spannende Fragen aufwirft.

CLAIRE ADAM
GOLDKIND
© Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-455-00599-8
Erschienen im Januar 2020
E-Book ePub
216 Seiten

Weitere Buchbesprechungen findest du unter Rezensionen.

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