KURZGESCHICHTE | Eine schwarze Nacht

Die vergangenen Tage habe ich Worte gewälzt, Absätze gestrichen, ganze Seiten neu geschrieben, Sätze geordnet und schliesslich noch einmal von vorne begonnen. Nun ist sie endlich fertig (soweit Kunstschaffende mit etwas je fertig sein können…) und da ist sie, eure Kurzgeschichte zu den drei Stichworten «Nacht», «Flügel» und «Schafe». Ich wünsche euch viel Spass beim Lesen und bin wie immer sehr gespannt auf euer Feedback. 💚 

Blindlings rannte ich durchs Dickicht und spürte kaum, wie die Dornen mir ins Fleisch schnitten. Das Blut rann langsam mein Schienbein herunter, doch ich achtete mich nicht darauf. Atemlos setzte ich einen Fuss vor den anderen. Ohne eigentliches Ziel. Einfach nur weg. Den Schmerz abstreifen, nichts mehr fühlen.
Die Nacht war rabenschwarz und ich sah kaum noch meine Hand vor den Augen. Dennoch stolperte ich vorwärts. Tiefhängende Äste zerkratzten meine Unterarme. Erschreckt sprang ein wildes Tier vor mir auf und verschwand raschelnd im Gebüsch.
Warum Philipp? Warum unser Sohn? Er hatte das nicht verdient. Am wenigsten er! Wenn die Welt nur ein bisschen gerechter wäre, wäre das nicht passiert.
Ich lief bis ich nicht mehr konnte, bis meine Beine unter mir nachgaben. Wie ein Luftballon, aus dem pfeifend die Luft entwich, fühlte ich mich. Dumpf fiel ich auf das weiche, von der Sonne noch warme Moos. Und da sass ich dann, mit hängenden Schultern und bebender Brust und versuchte zu verstehen, was gerade passiert war.
«Das ist nicht fair!», schrie ich wütend in die Weite des schwarzen Waldes hinein, als eine Welle niederschmetternde Hilflosigkeit mich überrollte.
Warum um Himmels Willen hatten wir nicht früher begriffen, besser auf die Vorzeichen geachtet? 
Ich biss mir auf die Lippen bis sie bluteten. Doch auch das spürte ich kaum.
Alles hatten wir Idioten einfach auf Philipps mangelnde Sporttätigkeit geschoben. Den Schwindel, die Atemschwierigkeiten.
«Deine Lungen wollen gebraucht werden, Philipp! Du solltest wirklich mal mit Sport beginnen», hatten wir stereotyp wiederholt, wenn er sich mal wieder über Schmerzen in der Brust beklagt hatte. «Wie wär’s mit Fussball
Wie dumm wir gewesen waren. Wie ignorant. Aber nie wären wir auf die Idee gekommen, dass…
Ich erinnerte mich noch genau, wie er einmal sanft seine feingliedrige Hand auf meine Schulter gelegt und mir zugezwinkert hatte. 
«Nein danke, Mutter. Mit Sport verjagst du mich. Das weisst du. Und ausserdem helfe ich dir doch regelmässig im Garten. Da bewege ich mich ja schliesslich auch, oder zählt das etwa nicht? Der Schmerz wird schon wieder vergehen. Das ist er ja bisher auch immer.»
Und damit war es weg vom Tisch. Dachten wir.
Unser kleine Junge. Unser Lieblingsjunge. Er wusste genau, wie er Max und mich um den Finger wickeln konnte, damit er bekam, was er wollte. Und aus irgendeinem Grund machte mir das überhaupt nichts aus. Im Gegenteil, es machte mich stolz zu sehen, wie er seine Lebenspläne verwirklichte, ohne sich reinreden zu lassen.

«Es ist einfach nicht fair!» Der Seufzer, der folgte, zerriss mich schier. Ich biss die Zähnen zusammen, zog meine Knie an, wippte vor und zurück. Auf irrsinnige Weise hoffte ich, das brennende Gefühl in meinem Herzen damit weg schaukeln zu können. Mein Kopf schmerzte und ich versuchte den Kloss im Hals herunterzuschlucken.
«H-Hätten wir… Hätten wir geahnt, dass deine Schmerzen von Krebszellen stammten, hätten wir dich doch schon viel früher zum Arzt geschickt!» Die letzten Worte warf ich beinahe hysterisch in den Wald hinaus. Sie echoten zurück. Verzweifelt stützte ich den Kopf in meine zitternden Hände. Tränen quollen aus meinen Augen, flossen über mein Gesicht. Ich hatte nicht die Kraft sie wegzuwischen. 
Als die Tränen irgendwann versiegten, rollte ich mich wie eine Katze auf dem Moos zusammen und blieb reglos liegen.

Als ich schliesslich versuchte, mich aufzurichten, wusste ich nicht, wieviel Zeit vergangen war, seit ich auf dem Moos zusammengebrochen war.
War ich eingenickt? Alles tat mir weh. Ich blickte mich um. Wo war ich? 
Erst jetzt nahm ich den Wald um mich herum richtig wahr. Es war eine laue Sommernacht. Am Himmel hingen die Wolken dicht. Ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich die Dunkelheit um mich herum als wohltuend oder gespenstisch erachten sollte. Aber die Geräusche waren definitiv wohltuend. Sie beruhigten meine aufgekratzte Seele auf wundersame Weise. Die Grillen zirpten, Frösche quakten – irgendwo musste Wasser sein. Ein Windhauch trug das einsame Blöken eines Schafes zu mir hinüber, zog weiter durch die Baumkronen und liess die Blätter rascheln. Bestimmt war es schon weit nach Mitternacht. Und auf jeden Fall machten sich Max und Philipp Sorgen um mich. Plötzlich fühlte ich einen Stich im Herzen. Was war ich nur für eine Mutter! 
Und auf einmal schämte ich mich. Ich schämte mich, die Fassung verloren zu haben, davongelaufen zu sein. Ich schämte mich, meinen Jungen nicht richtig beschützt zu haben, nicht aufmerksam genug gewesen zu sein. So verhielt sich doch keine gute Mutter! Wie konnte ich das je wieder gut machen?
Heute Abend war meine – unsere ganze Welt zerbrochen. Seit der Arzt angerufen und uns die Untersuchungsresultate mitgeteilt hatte, war nichts mehr wie vorher. Und es würde auch nie mehr so sein.
Als mich eine Mücke in den nackten Oberarm stach, schlug ich mit der flachen Hand zu.
Das ganze Hatte, Wäre und Wenn brachte keine Lösung, das sah ich ein. Dafür hatten wir keine Zeit. Wir würden die Scherben auflesen und etwas Neues aufbauen müssen. Neue Bedingungen. Neue Ansprüche. Neue Träume. Es blieb uns nichts anderes übrig.
Es fühlte sich an, als hätte der Krebs sich nicht nur in Philipps Lungenflügel, sondern in unserem ganzen Leben eingenistet.
Ein nahes Rascheln liess mich aufblicken. Die Wolken am Himmel hatten einen schmalen Spalt freigegeben, aus dem sich ein Strahl Mondlicht stahl, sich seinen Weg durch die dichten Blätter der hohen Bäume suchte und schliesslich sanft auf einen knorrigen Ast, kaum zwei Meter von meinem Gesicht entfernt, fiel. Ein Kribbeln lief mir über den Rücken als ich sah, dass auf diesem Ast eine Eule sass und mich mit unbeirrt gelben Augen direkt anstarrte. Ich hielt unwillkürlich den Atem an, rührte mich nicht, starrte einfach nur zurück.
Minutenlang geschah nichts. Rein gar nichts. 
Oder doch? 
Plötzlich zuckte die Eule mit dem Kopf, legte ihn schräg, den Blick unverrückt auf mich gerichtet.
Verwirrt blinzelte ich.
«Was zum…», begann ich, doch die Eule breitete in diesem Moment lautlos ihre Flügel aus und verschwand schwerelos in der Dunkelheit.
Reglos blieb ich sitzen. Wartete, ob die Eule zurückkehren würde. Aber sie kam nicht.
Dann, einen endlosen Moment später, stand ich auf und ging nach Hause, zu Max und Philipp.

2 Kommentare
  • schaschtry
    Veröffentlicht um 12:46h, 12 August Antworten

    Eine sehr eindrückliche Erzählung😊von sanfter Natur wird die Frau gebettet.
    Der stille und dunkle Ort im Wald wird zum Platz der inneren und äusseren Umkehr.
    Die Frau darf in dieser Einsamkeit ihren Schmerz herausschreien.
    Beeindruckend👌

    • Noëmi
      Veröffentlicht um 09:39h, 11 September Antworten

      Vielen Dank! 🙂

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