REZENSION | Dr. Marcus Täuber: Gedanken als Medizin

«Ihre Schmerzen sind psychosomatisch. Haben Sie aktuell Stress?» Hat dir ein Arzt diese Worte auch schon einmal an den Kopf geworfen? Die Untersuchung ergäbe nichts aussergewöhnliches, die Schmerzen hätten keine physische Ursache, sagt er und entlässt dich ohne Rezept. – Was jetzt? Der Besuch hinterlässt ein frustrierendes Gefühl, denn die Schmerzen fühlen sich total real an.

Mich faszinieren die Zusammenhänge von Körper und Geist schon immer. Darum habe ich wohl auch sofort zum Hörbuch von Dr. Marcus Täuber gegriffen, als ich beim Stöbern darauf gestossen bin. Gedanken als Medizin. Kann es so einfach sein? Und wie soll das bitte gehen? 

Nach dem letzten Kapitel habe ich gleich noch einmal von vorne begonnen. Im Buch stecken derart viele wertvolle Informationen und ich konnte nicht alle beim ersten Mal schon verarbeiten. Dr. Marcus Täuber ist beides, Hirnforscher und Mentaltrainer, wobei sich das eine aus dem andern ergeben hat. Was ich an seiner Publikation immens schätze, ist der offene Umgang mit sämtlichen Bereichen der Medizin, sein Blick über den Gartenzaun und seine ehrliche Auseinandersetzung mit verschiedenen Lösungsansätzen.

Um was gehts?

Dr. Marcus Täuber analysiert die Selbstheilungskräfte unseres Gehirn aus der Sicht eines Hirnforschers. Er untersucht die Auswirkungen von Stress auf das Gehirn und die konkreten Vorgänge, die selbiger im Körper auslöst. Er sieht unser Gehirn als Werkzeug, das in der Lage ist, auf die körperlichen Funktionen einzugreifen und sie auf gewünschte Art und Weise neu zu formen. Die Frage dabei ist: Wie weit kann und darf man gehen?

Täuber erklärt wie das Stirnhirn, das limbische System, die Amygdala, die Basalganglien im Zusammenhang stehen und wo wir Einfluss nehmen können, um die Stress-Balance unseres Körpers zu erreichen und erhalten. Es ist von Bewusstseinsebenen die Rede und auch davon, dass Psychosomatik* keine Einbildung ist. Letzteres sei lediglich die körperliche Reaktion auf eine (chronische) Überlastung unseres Stress-Erholungssystems (Sympathikus und Parasympathikus). Er erklärt ausserdem wie Noradrenalin, Adrenalin und Kortisol in Zusammenhang stehen.

Wiederholungen führen zu Wahrheiten

Was mich an Täubers Erläuterungen besonders beeindruckt hat, sind die Basalganglien. Sie schreiben scheinbar wiederholte Tätigkeiten in unserem Gehirn in Gewohnheiten um. Aus Wiederholungen werden Muster, Wahrheiten. So lernen wir. Seien es das Französisch-Voci, das Velofahren oder weitere gute, aber leider auch schlechte Angewohnheiten werden hier abgespeichert. 

Das Faszinierende daran? Wir können mit bewussten Wiederholungen Gewohnheiten trainieren oder abändern, wenn wir das wollen, so Täuber. Insofern erhalten wir eine immense Entscheidungsmacht über uns und unsere Gewohnheiten, kurz über unser Leben: Wir sind dafür verantwortlich, was wir denken, sagen und was wir zur Gewohnheit kommen lassen.

Die Amygdala ist unser Freund 

Auch die Amygdala ist beeindruckend. Die Angst ist es, die uns oft als Wegweiser gilt. Und zwar in beide Richtungen: Einerseits warnt sie uns vor Gefahren, andererseits sagt sie, wo wir auf jeden Fall durchmüssen, um weiterzukommen, um uns «unserer Angst zu stellen».

Die Amygdala funktioniert aus Sicht der Evolution als Beschützerin. Sie verbindet gefährliche Erfahrungen seit Jahrtausenden mit Furcht und Angst um damit unser Überleben zu sichern. Einem Säbelzahntiger in freier Wildnis gehen wir darum beispielsweise aus dem Weg.

Das ist sehr gut und oft instinktiv hilfreich. Andererseits kann die Amygdala aber auch stark einschränken. Schlechte Erfahrungen verankern sich tief und blockieren. Täuber sagt: Dieser Angst kann man sich stellen in dem man sie aktiviert und dann wiederholt mit positiveren Erfahrungen in den Basalganglien überschreibt.

Jep, Empfehlung!

Bevor ich mich hier nun zu sehr auslasse und euch aus lauter Euphorie das halbe Buch erzähle – hört oder lest es selber! Es bietet sehr viel fundiertes Wissen, wissenschaftlich erforschte Tatsachen und Beobachtungen und Anleitungen für Übungen wie zum Beispiel für die GAM-Meditation. Ich habe viele spannende Gedankenanstösse aus dieser Lektüre mitgenommen. Allem voran: Wie wichtig Achtsamkeit, Ausgleich und bewusstes Denken im Alltag ist.

Wie stehst du zum Thema Hirnforschung und mentale Selbsttherapie? Und denkst du, Gedanken als Medizin können funktionieren? Ich bin gespannt auf deine Meinung. 😊

* Die Psychosomatik ist ein Fachgebiet in der medizinischen Forschung, das sich mit dem Einfluss von psychischen und sozialen Faktoren auf unseren Körper und dessen Gesundheit auseinandersetzt und erforscht. Psychosomatische Erkrankungen basieren somit meist auf Stress, seelischen Belastungen, Lebenskrisen oder traumatischen Erfahrungen. Die Gründe dafür sind sehr individuell.

DR. MARCUS TÄUBER
GEDANKEN ALS MEDIZIN
© Goldegg Verlag Audio
ISBN 978-3-99109-317-6
Erschienen im Juli 2020
Hörbuch 
305 Minuten

Weitere Buchbesprechungen findest du unter Rezensionen.

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