REZENSION | Frédéric Zwicker: radost

Mit seinem Fahrrad, einer Flasche Sljiva, in Massai-Gewand und Converse posiert er auf dem Cover, aufrecht und gen Osten gerichtet: Max Winter – aktiv, selbstbewusst, sportlich, impulsiv, ohne Gepäck und abenteuerlustig.

Es scheint, als ob er sich kaum je Gedanken über die Konsequenzen mache, wenn er anderer Leute Fernseher aus dem Fenster schmeisst, weil es «so ein hübsches Tönchen» mache oder den Polizisten beschimpft, einfach weil ihm danach ist. Als Max eines Tages bei einer ähnlichen Aktion festgenommen und in die Psychiatrie eingeliefert wird, erfährt er, dass er psychisch krank ist. Manisch-depressiv sagen sie. 

Die grosse Schwierigkeit bei dieser Krankheit ist, dass ich als Betroffener nicht mehr beurteilen kann, was real ist und was nicht. Die Grenze zwischen Innen und Aussen verschwindet. Welche Wahrnehmung hat mein Hirn induziert und welche die Aussenwelt? Denkt oder sagt der andere wirklich, was ich ihn denken und sagen höre, wovon ich absolut überzeugt bin, dass er es denkt oder sagt?

Eine Biografie mit Blackouts

Die zweite Hauptfigur des Romans, Journalist mit Ich-Perspektive, Fabian Jakobi, ist nicht nur mit seinem Job unglücklich, sondern gar mit seinem ganzen eintönigen Leben. Mahmut, der Nachbarsjunge ist es, der ihn eines Tages einen Wettbewerb gewinnen lässt und ihn nach Sansibar schickt, wo Fabian auf Max trifft – und ihm auch gleich das Leben rettet.

Jahrelang sind die beiden nicht in Kontakt, bis eines Tages Max anruft – und Fabian bittet seine Biografie zu schreiben. Ziel des Projekts: Die schwarzen Löcher in Max’ Vergangenheit auffüllen, wo er wegen seiner Krankheit Erinnerungslücken hat. Nach einigem Hadern, macht sich Fabian eines verregneten Septembertags auf und fährt wie Max einst mit seinem Fahrrad los Richtung Osten, Max’ Vergangenheit auf der Spur.

Die Freude am Leben

Radost als Titel ist originell gewählt. So fahren Max und Fabian zum einen beide mit dem Rad nach Kroatien. Zum andern bedeutet radost (kroat., mit Betonung auf erster Silbe) auch «Freude». 

Diese Freude breitet sich über das ganze Geschehen aus. Man liest von der Freude an Freunden, Nachbarn, Menschen, an der Arbeit, am Verlieben und am Leben selbst. Auch in Bezug auf die Krankheit gewinnt die Freude einen wichtigen Stellenwert und ermöglicht (zumindest für mich) einen gänzlich neuen Blick auf die manisch-depressive Krankheit.

Frédéric Zwicker will zum Nachdenken anregen

Mit seinen Büchern will Frédéric Zwicker auf Themen aufmerksam machen, über die man nicht oder nur selten spricht. Themen, die vielleicht unangenehm sind, wie Tabus. Er möchte, dass sich die Leute ihre eigenen Gedanken machen: 

Ich habe bei eigentlich allem was ich mache […] einen aufklärerischen Anspruch, also dass ich eigentlich die Leute zum Nachdenken anregen möchte.*

Mit radost gelingt ihm das total gut. Er tastet sich aus einer Aussenperspektive an die manisch-depressive Krankheit heran, betitelt sie selten bei ihrem Namen, versucht stattdessen die farbige und turbulente Welt Betroffener und was es mit ihnen und ihrem Leben anstellt zu beschreiben. Frédéric zeigt wie Max je nach Lebenssituation mit seiner Krankheit umgeht, ohne zu bewerten, und schafft damit eine Basis für eigene Überlegungen und Meinungen. 

Diese Perspektive finde ich klasse! Die Krankheit wird für mich so greifbarer, realer, menschlich. Eine schöne Haltung, ein spannendes Erlebnis. Danke Frédéric!

FRÉDÉRIC ZWICKER
RADOST
© Zytglogge Verlag
ISBN 978-3-7296-5055-8
Erschienen im September 2020
Gebundene Ausgabe
288 Seiten

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zugesandt. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

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