REZENSION | Benedikt Meyer: Nach Ohio

Historisches Zeitdokument

Nach Ohio von Benedikt Meyer ist vieles: Biografie, historischer Roman, Familiengeschichte und allem voran fundiert recherchiert. Was nicht weiter verwunderlich ist, denn Meyer, ehemaliger Basler Geschichtsstudent, arbeitet heute als freier Historiker im Raum Bern und kennt sich also im Umgang mit historischen Quellen aus.

In seinem 2019 erschienen ersten Roman, begleitet er die Wäscherin Stephanie Cordelier (seine Urgrossmutter) auf ihrer Reise von Oberwil (Basel) nach Ohio. Stephanies Charakter ist es, welcher die Handlung ins Rollen bringt. Ihr aussergewöhnlicher Ehrgeiz und Wille, aber auch das Fernweh bringt sie 1891 dazu, im zarten Alter von 19 Jahren alleine (und alleine als Frau!) das Schiff nach Amerika zu besteigen, wo sie vorerst bei ihrer Tante unterkommen würde. – Alles weitere steht zu diesem Zeitpunkt noch in den Sternen.

Eine derart mutige, unabhängige und starke Frau (insbesondere vor dem gesellschaftlichen Hintergrund betrachtet) fasziniert nicht nur mich, sondern auch den namenlosen Ich-Erzähler, der Meyer selbst sehr ähnlich zu sein scheint:

Stephanie zog mich in ihren Bann. Ihre Kindheit, ihre Sehnsucht, ihr Aufbruch. Die jähe Schieflage ihres Schiffs, die knackigen Äpfel von Pennsylvania und Doktor Berchtolds streitlustiger Papagei. Könnte ich Stephanies Zauber erklären, würde er womöglich verschwinden. Zum Glück bin ich weit davon entfernt.»

Die Faszination, welche von Stephanie ausgeht, spürt man als Lesende/r zwischen den Zeilen, sie webt sich in Beschreibung und Wortwahl, und besonders eindrücklich trifft man sie in den Lücken. Da, wo Quellmaterial überbrückt und erweitert werden musste. Natürlich hält sich Meyer wo möglich an die Quellen. Aber an Stellen, wo sich nichts oder zu viel finden liess, ergänzt oder stilisiert er.

Natürlich dokumentiert er sämtliche Abänderungen der historischen Daten fein säuberlich und stellt sie uns Lesenden auch zur Verfügung. Tipp: Du findest diese im Nachwort des Romans oder in ausführlicherer Form auf Meyers Website. Auch die Radiosendung von 1964 kannst du dir da anhören. Radiosendung?

Eine inspirierende Radiosendung von 1964

Als Hauptquellen für die Geschichte diente Meyer eine Aufnahme von 1964, in der Stephanie Meyer als 92-Jährige von einem Basler Radiosender interviewt wurde und dabei aus ihrem Leben in Amerika erzählt. Diese Quelle hat Meyer schon früh in seinem Leben in Form einer Kassette besessen, doch erst nach seinem Geschichtsstudium, hat sich die Magie darum wirklich entfaltet. So brennend wurde Meyers Neugier schliesslich, dass er kurzerhand sein Fahrrad schnappte und sich mit einem Container-Schiff über den Atlantik davonmachte, um mehr über seine Urgrossmutter zu erfahren.

Biografie und Abenteuerroman in Einem

Die Erzählung schwappt von Stephanies Biografie zu den Reiseerfahrungen des nachforschenden Ich-Erzählers und wieder zurück. Dem biografischen Teil kommt dabei weitaus mehr Raum zu als dem Leben des Ich-Erzählers, dessen Figur leider etwas im Dunkeln bleibt.

Mit staunenden Augen beobachten wir eine atemberaubende historische Szenerie, folgen schaffigen Händen durch Ohio, durchleben zahlreiche Pfarrhaushalte aus der Sicht der Hausfrau, betreten Wäschereien, begegnen spannenden Menschen und verlieren uns in der Weite des Meeres – bis wir uns 1896 schliesslich mit Stephanie auf den Weg zurück nach Basel machen. 

Eine abenteuerliche Geschichte, die das Herz eines jeden historisch Interessierten zweifellos höher schlagen lässt. 💚

Kurt Marti Preis-Nominierung 2020

Mit Nach Ohio wurde Benedikt Meyer für den diesjährigen Kurt Marti Preis nominiert. Alle zwei Jahre, 2020 das zweite Mal, verleiht der Berner Schriftsteller und Schriftstellerinnenverein BSV den Preis, um den Berner Autoren Kurt Marti (1921–2017) zu würdigen. Marti hat die moderne Schweizer-Mundartdichtung massgeblich mitgeprägt.

BENEDIKT MEYER
NACH OHIO
© Zytglogge Verlag
ISBN 978-3-7296-5006-0
Erschienen im Juli 2020 (Original im März 2019) 
Gebundene Ausgabe
219 Seiten

Dieses Buch wurde mir vom Autoren als Rezensionsexemplar zugesandt. Meine Meinung bleibt dadurch unbeeinflusst.

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