Bild Rezension Tod in Genua von Romana Ganzoni

REZENSION | Romana Ganzoni: Tod in Genua

Mein erster Eindruck von «Tod in Genua» war: Lethargisch. Und irgendwie wirr. Ich fand den roten Faden der Handlung nur mit Mühe und ich fragte mich: Steht diese Nina denn überhaupt je aus ihrem Bett auf?

Kurz: Ich war völlig überfordert. Und brach das Buch für eine Weile ab.

Doch es kitzelte mich unter den Nägeln und nach ein paar Wochen las ich weiter – und ehe ich mich versah, war ich auf der letzten Seite angelangt. Heute gehört Tod in Genua gar zu meinen persönlichen Top 5 der gelesenen Bücher in 2020.

Was macht dieses Buch so besonders?

Romana Ganzoni habe ich vor rund einem halben Jahr bei einer Lesung in Bern getroffen. Sie sass da, in ihrem Sessel auf der charmanten kleinen Kellerbühne, trug ein grün schillerndes Kleid, rote Lippen, sass aufrecht und liess ihre Augen aufmerksam durch das Kellergewölbe gleiten. Eine ungewöhnlich inspirierende Aura umgab diese Frau.

Sie las aus Tod in Genua und ich erinnere mich, dass ich sofort bezaubert war. Ich glaube, es waren die atypischen Beschreibungen, die Details, die so ausdrucksstarke Bilder in meine Vorstellung malten. Für Romana schien es ein Leichtes, uns mit ihrer Leidenschaft anzustecken, wie ich mit Blick auf die anderen Gäste feststellte. So farbig und mitreissend ihre Art und – 

Wie kontrastreich dazu der Beginn dieses Buches! 

Ich war verwirrt. Und das nicht nur, weil die direkten Reden nie mit Anführungszeichen markiert waren. Ständig las ich Abschnitte doppelt, weil ich mir nicht sicher war, ob sie nun gesprochen oder gedacht waren. Aber das eigentliche Problem war ganz einfach, dass ich auf das Falsche fokussierte.

Szenen wie eine St. Petersburger Hängung

Die Erinnerungen im Kopf der Hauptfigur Nina springen sehr schnell von einem Ort zum andern. Von einer Situation zur nächsten. «Petersburgerin», nennt Paul seine Partnerin liebevoll neckend, weil sich ihre Gedanken aneinanderreihen, wie Bilder an der Wand der St. Petersburger Eremitage.

Das machte es mir als Leserin zu Beginn nicht einfach. Doch als ich irgendwann begriff, dass genau das zum Charakter der Hauptfigur gehörte, ihn gar ausmachte, erschien die gesamte Erzählung plötzlich in einem völlig neuen Licht. Genial, dachte ich. 

Je fortgeschrittener die Seitenzahl, desto rasanter das Tempo. Die gesamte Geschichte spielt an einem einzigen Tag, doch darin verpackt sind so viele Erinnerungen, Wünsche, Sehnsüchte! Paul und Nina sind in Genua eingetroffen, um der Beerdigung der geliebten Tante Mathilde beizuwohnen und sich von ihr zu verabschieden. 100-jährig war sie geworden. Mathilde, die stilvolle Kettenraucherin. 

Für Nachwirkungen lesen Sie bitte… 

Ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen: Ich war vom Ende des Romans angenehm überrascht. Tod in Genua ist eine der Erzählungen, die einen auf die Reise mitnehmen und man weiss aber bis zum Schluss nicht, wohin diese genau führt. Und dennoch kann es eigentlich nur genau so enden, wie es letztendlich auch endet. 

Die Geschichte von Nina und Paul wirkte in mir nach. Immer mal wieder schwirrten sie diese Tage durch meine Gedanken. Ninas Figur ist vielschichtiger, als sie vielleicht auf den ersten Blick scheint.

Rückblickend glaube ich, dass ich viele Details in der Erzählung verpasst habe, weil ich zu sehr nach dem roten Faden einer Handlung gesucht habe. Besonders auf den ersten Seiten vermute ich Detailreichtum, der auf jeden Fall Grund genug ist, das Buch ein zweites Mal zu lesen.

Danke, Romana, dass du bist wie du bist. Und bitte, schreib weiter so eindrückliche Literatur! 

Tod in Genua ist das Romandebüt der Autorin. 2020 hat sie dafür den Bündner Literaturpreis erhalten. 

ROMANA GANZONI
TOD IN GENUA
© Edition Blau im Rotpunktverlag
eISBN 978-3-85869-856-8
Erschienen im Oktober 2019
ePUB
137 Seiten

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