Bild mit Cover Anna Seilerin von Therese Bichsel

REZENSION | Therese Bichsel: Anna Seilerin

Mit «Anna Seilerin» veröffentlicht Therese Bichsel nicht nur ihren zehnten Roman, sondern schafft damit auch ein weiteres Werk in ihrer Reihe von wunderbaren historischen Romanen mit Lokalbezug.

1998 stellte Bichsel mit «Schöne Schifferin» eine historische Frauenfigur aus dem Berner Oberländischen Brienz ins Rampenlicht, wagte aber vorallem auch einen Blick «hinter die Kulissen». Dasselbe wiederholte sie Jahre später mit «Catherine von Wattenwyl», einer aussergewöhnlichen Berner Frauenfigur aus dem 17. Jahrhundert, mit «Grossfürstin Anna» und weiteren. 

Anna, die sozial engagierte Bernerin

Anna Seilerin, gebürtige ab Berg, passt wunderbar in diese Reihe von aussergewöhnlichen Frauen, die in der Geschichte ihre Fussstapfen hinterlassen haben. Sie war zu Lebzeiten (was heisst: zu Beginn des 14. Jahrhunderts) in Bern bereits bekannt und hoch geschätzt. Ihr wurde später sogar ein Brunnen in der Berner Marktgasse gewidmet. Anna posiert darauf mit einem Aquamanile in der Hand, einem Wassergefäss mit für sie besonderer Bedeutung.

Anna Seilerin ist die Stifterin des Berner Inselspitals. Und der heutige Name des Spitals kommt nicht von etwa: Damals galt das Spital als «Rettungsinsel» für arme Kranke und Sterbende, für die niemand sonst sorgte. Die Stadt Bern war Anna Seilerin für ihr Engagement sehr dankbar, denn die bisherigen Spitäler platzten insbesondere nach dem Laupenkrieg von 1339 aus allen Nähten.

Eine Kaufmannstocher will Gutes tun

Anna Seilerin lebte in einer Zeit, in der es üblich war, dass Frauen weder im Handel, noch in der Politik, geschweige denn zu Geldgeschäften etwas zu sagen hatten. Viele Frauen konnten nicht einmal lesen und schreiben, es sei denn das Leben führte sie ins Frauenkloster. Anna ab Berg hatte das Glück, dass sie die Tochter des fortschrittlich denkenden Kaufmanns Peter ab Berg war. Er sorgte dafür, dass sie in jungen Jahren schreiben und lesen lernte, er nahm sie gar mit auf Reisen und lehrte sie den Handel.

Doch dann wurde sie mit Heinrich Seiler, einem ebenfalls sehr erfolgreichen Kaufmann, verheiratet. Erst als Heinrich, einige Jahre älter als Anna, eines Tages überraschend starb, begann sie mit den neu gewonnen Freiheiten einer wohlhabenden und jungen Witwe zu überlegen, was sie mit ihrem Leben eigentlich anfangen wollte.

Eins wusste sie: Sie wollte Gutes tun. Sie wollte aber nicht ins Kloster (was wohl der üblichere Weg für eine Frau ihrer Zeit gewesen wäre) und beschloss darum kurzerhand ein Spital für Arme und Bedürftige mitten in Bern zu eröffnen. 

Das Fortbestehen des Spitals hatte die kinderlose Witwe und intelligente Kaufmannstochter nach ihrem Ableben übrigens nicht etwa dem Zufall überlassen, sondern in ihrem Testament alles Nötige geregelt. Auf den letzten Seiten des Romans stehen Ausschnitte aus ebenjenem Testament abgedruckt und auch die Stiftungsurkunde des Spitals aus dem Jahr 1354 liegt bei.

Bildhaft erzählt wie im Film

Trotz der grossen zeitlichen Distanz, fühlte ich mich dieser Frau beim Lesen eigenartig nah. Im Buch werden die wichtigen Episoden ihres Leben nacherzählt, aber es sind die Detailszenen, die bei mir vorallem Eindruck hinterliessen. Man sieht Anna als kleines Mädchen vor Augen, das mit der Cousine freudig durch den Garten tollt, mit grossen Augen einer Hinrichtung in der Gasse zuschaut und anschliessend nächtelang nicht schlafen kann, oder die junge Dame, die mit ihrem Vater den grossen Jahrmarkt in Zurzach besucht. 

Und es fällt einem überhaupt nicht schwer, diese Szene in der Vorstellung lebendig werden zu lassen. Denn Therese Bichsels Sprache ist bilderreich, sinnlich, differenziert und menschlich.

Leseempfehlung … 

… für alle mit historischen Interesse oder für solche, die wissen möchten, wies früher einmal war. Und für Bern-Interessierte. Es ist einfach grossartig, wie Therese Bichsel diese aufstrebende Stadt Ende Mittelalter portraitiert! 

Zum Schluss möchte ich euch noch ein Zitat aus dem Buch mit auf den Weg geben, das mich persönlich irgendwie zum Nachdenken gebracht hat:

«Der Spitalmeister entscheidet, wer aufgenommen wird. […] Man gibt sein Geld ab beim Eintritt ins Spital. Wenn man wieder gesund wird, kostet die Pflege nichts, man erhält das Geld zurück. Das Geld jener, die sterben, fällt ans Spital. Wir erhalten zudem viele Spenden und Stiftungen. […] Das Spital ist ein Werk für die Armen.

THERESE BICHSEL
ANNA SEILERIN. STIFTERIN DES INSELSPITALS.
© Zytglogge Verlag
ISBN 978-3-7296-5046-6
Erschienen im November 2020
Gebundene Ausgabe
328 Seiten

Du willst mehr? Weitere vorgestellte Bücher findest du unter Rezensionen.

Dieses Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zugesandt. Meine Meinung ist dadurch nicht beeinflusst.

1 Kommentar
  • Zeilentänzerin
    Veröffentlicht um 11:55h, 25 Dezember Antworten

    Hallo,

    das klingt nach einem sehr gelungenen Buch. Wenn man sich mit den Charakteren so gut identifizieren kann, ist das immer eine tolle Sache. Fühlt sich beim Lesen gut an. Danke für die Vorstellung! Frohe Weihnachten dir!

    Zeilentänzerin

Schreibe einen Kommentar