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REZENSION | Arno Camenisch: Herr Anselm

Herr Anselm ist Hauswart durch und durch. Als er nach den ihm viel zu lang erscheinenden Sommerferien endlich wieder arbeiten darf, trifft ihn beinahe der Schlag: Der Gemeindepräsident will seine Schule schliessen.

Herr Anselm besucht daraufhin das Grab seiner verstorbenen Frau und schüttet ihr sein Herz aus. Er ist mit der Idee des Gemeindepräsidenten absolut nicht einverstanden. Während er das Grab pflegt, monologisiert er über sein «Flaggschiff». Erinnerungen schwirren vorbei, Herr Anselm spricht über das kommende letzte Schuljahr und was er tun will, um zu verhindern, dass die Schule geschlossen wird.

Der Blick in eine vergangene Zeit

Der hundertseitige Monolog liest sich erstaunlich rasch und leicht, trotz der teilweise längeren und verschachtelten Sätze. Herr Anselm liefert mit seinen Worten das Porträt eines Ortes im Wandel der Zeit. Er arbeitet seit 33 Jahren an dieser Schule, weiss viel und kennt jeden. Er sammelt Postkarten von ehemaligen Schülerinnen und Schülern und ist unweigerlich die gute Seele der Schule. 

Dem Monolog ist ablesbar, dass es sich bei Herrn Anselm um einen Herrn reiferen Alters handelt. Manchmal dreht er sich inhaltlich im Kreis, beteuert Dinge wieder und wieder. Er benutzt ältere Wörter, spricht von einer längst vergangenen Zeit mit Fernseh-Antennen auf dem Dach, die je nach Richtung einen der zwei einzigen Sender einfingen, die es im Ort überhaupt gab. Oder er schwärmt von seinem Töffli, das ihn überall hinbringt.

Manchmal brauchts etwas Courage im Herzen

Herr Anselm verkörpert meiner Meinung nach wichtige Werte. So findet er es beispielsweise unerlässlich, dass die Schulkinder immer die Wahrheit sagen, auch und insbesondere wenn sie das Kellerfenster zerschlagen haben. Er ist ausserdem überzeugt, dass Ping-Pong den Geist lockert, dass schulische Leistungen gut, aber nicht alles im Leben sind. Wenn er denn einmal kurzfristig für krank gewordenes Lehrpersonal einspringt, endet der Unterricht darum auch gerne einmal am Tischtennistisch. 

Arno Camenisch zeigt Herrn Anselm an einem Wendepunkt in seinem Leben: Seine geliebte Schule soll geschlossen werden. Was wird er jetzt tun? Wird er sich dem Gemeindepräsident fügen, nichts tun, die Schliessung des «Flaggschiffs» still und leise hinnehmen? Oder wird er sich wehren, sich einsetzen – zum Wohle der Schule, der Kinder und des Ortes? 

Mhm, das Glück muss man herausfordern, sonst findet es einen nicht, das Unglück findet dich immer, aber das Glück findet dich eba nur, wenn du dich ihm zeigst, das braucht ein bisschen Courage im Herzen.»

In der Ruhe liegt die Kraft

Spannend finde ich, dass Camenisch als Ort für Herr Anselms Entscheidungsfindung den Friedhof wählt. Rückwärts gerichtet, in gemächlichem Tempo bei der Grabpflege widmet er sich mit viel Raum seinen Gedanken. – Manchmal brauchts in einer immer schnelllebigeren Welt womöglich genau das, um zu Klarheit zu gelangen und um Energie für Neues zu schöpfen. 

«Herr Anselm» ist eine schöne, gemächliche Lektüre, deren Mehrwert sich erst zwischen den Zeilen richtig entfaltet. Erzählt wird in einem Hochdeutsch mit Schweizer Dialekt gespickt – dies muss man als reizvoll empfinden, um die Geschichte vollends geniessen zu können. 

ARNO CAMENISCH
HERR ANSELM
© Engeler Verlag
ISBN 978-3-906050-43-0
Erschienen im August 2019
Gebundene Ausgabe
100 Seiten

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