Manuschak Karnusian: Unsere Wurzeln, unser Leben

Sagt dir der «Armenische Völkermord» von 1915 etwas? Nicht? Dann gehts dir wie vielen anderen. Und mir, bevor ich dieses Buch gelesen habe. In zwölf Portraits von betroffenen Familien und Hintergrundtexten erfahren wir, welchen Einfluss dieses Ereignis noch 100 Jahre später hat.
Buchcover zwischen grünen Palmenblättern auf weissem Tisch

Sagt dir der «Armenische Völkermord» von 1915 etwas? Nicht? Dann gehts dir wie vielen anderen. Und mir, bevor ich dieses Buch gelesen habe.

Ein Genozid, der nicht anerkannt werden will

1913 lebten knapp zwei Millionen Armenier im Gebiet der heutigen Türkei, 1917 waren es weniger als 100 000. Zwischen 800 000 und 1,5 Millionen Armenier sind während des Völkermords ums Leben gekommen. 

Es fällt leicht zu glauben, dass ein derartiges Ereignis bis in die heutige Zeit Folgen für die betroffenen Familien hat. Psychische, aber auch gesellschaftliche und politische Folgen. Im Gegensatz dazu scheint es unbegreiflich, dass der Genozid vielerorts bis heute nicht anerkannt werden will. Viele Armenierinnen und Armenier wollen Gerechtigkeit dafür, was ihren Vorfahren widerfahren ist. Doch genau das erweist sich als gar nicht so einfach.

 

«Ich bin ein Armenier, das sagt alles»

Die Autorin Manuschak Karnusian (selber Schweizerin armenischer Herkunft) portraitiert in ihrem Buch zwölf in der Schweiz lebende Armenierinnen und Armenier. Sie lässt sie ihre ganz persönliche Geschichte erzählen und erklärt, warum die armenische Identität etwas ganz besonderes ist. 

Der Geheimagent aus Ägypten. Die Archäologin aus Syrien. Der Unternehmer aus Kanada. Der Komponist aus Jerewan. Die Museumsdirektorin aus der Türkei. Alle haben sie etwas gemeinsam: «Ihre armenischen Wurzeln, die sie über Grenzen und Generationen verbinden.»

Hintergrundtexte für mehr Zusammenhang

Während es in den Portraits um die ganz persönlichen Schicksale geht, beschränken sich die zwölf Hintergrundtexte auf Fakten und geben dem Ganzen einen historischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmen. Von Jürg Steiner verfasst sind diese Ausschnitte äusserst wichtig für das Verständnis beim Lesen.

Die Anfänge Armeniens werden umrissen, die Rolle der Kirche in Worte gefasst. Steiner geht auf die Schweizer Solidarität ein, aber auch auf das systematische Vergessen und die Leugnung des Genozids. Der Völkermord an sich wird auf zweit Seiten umrissen und die Intentionen der Diaspora kurz zusammengefasst. Aus politischer Sicht nähert sich Steiner der Enklave Berg-Karabach an und betitelt die Liaison Schweiz-Armenien als «delikat». 

Die Stimme Armeniens

«Unsere Wurzeln, unser Leben» macht betroffen. Ich finde es sehr wichtig und schön, was Karnusian hier in Zusammenarbeit mit dem Stämpfli Verlag geschaffen hat, um Armenien eine Stimme zu verleihen. Das Buch ist in seiner Gestaltung schlicht und chic. Ein tolles und auf jeden Fall eindrückliches Sachbuch für historisch und / oder politisch Interessierte. 

Unsere Wurzeln, unser Leben – Armenierinnen und Armenier in der Schweiz

von Manuschak Karnusian

Stämpfli Sachbuchverlag | 2015 | 142 Seiten

ISBN 978-3-7272-1433-2 | Hardcover

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar vom Verlag

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

10 − sieben =

Der Buchowski Autormat auf dem Helvetiaplatz

Seit letztem Freitag, 21. August 2020 steht auf dem Berner Helvetiaplatz für drei Monate der Buchowski Autormat. Ja, du hast richtig gelesen, Autormat mit R. Denn dieser ehemalige Billettautomat kann mehr. Viel mehr.

Pedro Lenz: Primitivo

Roman | Charly, Maurerlehrling und ich-Erzähler der Geschichte ist zutiefst betroffen als sein Freund Primitivo, der kurz vor der Pension stand, auf der Baustelle stirbt. Wir lauschen seinen Erzählungen von einer ungewöhnlichen Freundschaft und begleiten ihn bei seiner unaufgeregten und nachdenklichen Art zu trauern.

Das Buchcover wird vor einen Busch altrosafarbener Christrosen gehalten.

Anaïs Barbeau-Lavalette: Sie und der Wald

Roman | Inmitten des kanadischen Waldes finden zwei Paare mit fünf Kindern in einem alten Haus Zuflucht vor dem Covid-19-Virus und den Turbulenzen der modernen Welt.