Buchcover umrahmt von Eucalyptusblättern

REZENSION | Benedict Wells: Hard Land

In diesem Sommer verliebte ich mich, und meine Mutter starb.

Ich fand griffige erste Sätze ja schon immer toll (da gehts mir grad ähnlich wie der Figur Kristie). Aber mit diesem ersten Satz in Hard Land schiesst sich Benedict Wells ungebremst an die Spitze meiner persönlichen Bestenliste der ersten Sätze. Bam! Mit nur zehn Wörtern wird uns schonungslos, treffsicher und ehrlich klargemacht, dass dieser eine Sommer sowohl wunderschön als auch sehr schmerzvoll werden wird. 

Ein unvergesslicher Sommer

Der fünfzehnjährige ich-Erzähler Sam steht an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Als in sich gekehrter Einzelgänger hat er kaum Freunde, seine Mutter ist seine erste (und oft auch einzige) Bezugsperson. Auch darum will er nicht wahrhaben, als bei ihr Krebs diagnostiziert wird. 

Um sich von den düsteren Gedanken abzulenken, ergattert sich Sam in den Sommerferien einen Job im alten Kino von Grady. Hier trifft er auf Cameron, Hightower – und auf Kristie. Gemeinsam mit ihnen entdeckt Sam die Heimatstadt neu und erlebt einen einzigartigen und gefühlsvollen Sommer, den der so schnell nicht vergessen wird. 

Benedict Wells überzeugt einmal mehr

Der Roman hat eine stimmige Dramaturgie, nie wird es beim Lesen langweilig. Im Gegenteil, die Spannung bleibt und steigt. Während sich Sam langsam für die Welt öffnet und neue Erfahrungen macht, geht es seiner Mutter gesundheitlich immer schlechter. Sams Konflikt gipfelt in einem emotionalen Moment. 

Wells Hauptfigur erzählt in einem sehr passenden Plauderton, der dem fünf-, bald sechzehnjährigen Jungen absolut entspricht. Dieser Schreibstil ist so effektiv, dass Sam uns in der Vorstellung direkt gegenübersitzt, während er von seinem vergangenen Sommer erzählt:

Bei Cameron konnte ich es ja noch verstehen, der war in Japan und … Mist, das habe ich vergessen zu erzählen: Cameron hatte vor seinem Abschied eine Auseinandersetzung mit seinem Vater gehabt. […]

Ein spannendes Element finde ich auch das Buch im Buch: Sam liest im Deutschunterricht Hard Land, einen Gedichtband eines in Grady lebenden Künstlers. Dieses Buch begleitet Sam durch den Sommer und spiegelt auf eine brilliante Art und Weise seine inneren Entwicklungen wider.

Mit Liebe fürs Detail

Eine ganz wunderbare Sache an Wells Romanen finde ich, dass er angefangene Erzählstränge immer zu Ende führt. Ja, sogar auf Details wird im späteren Verlauf oft noch einmal Bezug genommen. Dies rundet die Handlung ab, macht die Figuren menschlich und versieht sie mit Ecken und Kanten. Kurz: Handlung und Figuren könnten authentischer kaum sein.

In Hard Land gehts ums Erwachsenwerden. Um das Leben in einer ländlichen Kleinstadt. Um das Aus-sich-hinaus-gehen und das Über-den-eigenen-Schatten-springen. Es geht um Schmerz, aber auch um die Überwindung desselben und um Freude. Unbeschwerte, jugendliche (und vielleicht manchmal sogar übermütige) Freude – und die steckt an. 

Im handlichen, für den Diogenes Verlag typischen Buchformat und mit angenehmer Kapitellänge (durchschnittlich etwa acht Seiten) ist Hard Land übrigens auch ein ganz tolles Buch für unterwegs!

BENEDICT WELLS
HARD LAND
© Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-07148-1
Erschienen im März 2021
Hardcover mit Schutzumschlag
352 Seiten

Du willst mehr? Weitere vorgestellte Bücher findest du unter Rezensionen oder im Autoren A-Z.

Tags:
2 Comments
  • Zeilentänzerin
    Posted at 14:05h, 13 Mai Antworten

    Hallo=)

    Ich freue mich, deine Rezension zum Buch hier gefunden zu haben. Ich habe das Buch im März gelesen und war etwas zwiegespalten, gerade, weil ich andere Werke von Wells kenne. Besonders aber die Metaphern und die Art von Wells zu schreiben, zeugen schon von besonderer Schönheit.

    Zeilentänzerin

    • Noëmi
      Posted at 10:49h, 18 Mai Antworten

      Das interessiert mich jetzt: Warum zwiegespalten?

Post A Comment