Buchcover vor Glücksfeder auf weissem Tisch

REZENSION | Gustaf Skördeman: Geiger

Das Festnetz-Telefon klingelt, als sie am Fenster steht und ihren Enkelkindern zum Abschied winkt. Agneta hebt den Hörer ab. «Geiger», sagt jemand und legt auf. Agneta weiß, was das bedeutet. Sie geht zu dem Versteck, entnimmt eine Waffe mit Schalldämpfer und tritt an ihren Mann heran, der im Wohnzimmer sitzt und Musik hört. Sie setzt den Lauf an seine Schläfe – und drückt ab.

Der Klappentext verspricht ja viel: Geheimnisvolles (was hat es mit diesem «Geiger» auf sich?), Unerwartetes (warum um Himmels Willen erschiesst Agneta ihren Ehemann?) und auch Groteskes (eine Grossmutter mit einer Pistole in der Hand ist doch ein ziemlich ausgefallenes Bild). Aber hält der Thriller auch, was er verspricht?

Familiendrama in Schweden

Onkel Stellan ist in Schweden als Komiker berühmt. Agneta ist seine langjährige Ehefrau, Lotta und Malin – so heissen die Töchter der beiden. Sogar zwei Enkelkinder haben sie. Sara ist eine Kindheitsfreundin von Lotta und Malin. Sie ist Polizistin und macht es sich zur Aufgaben, den Mord an Onkel Stellan aufklären, obwohl nicht ihre Abteilung dafür verantwortlich ist. 

Gleichzeitig macht sich die ehrgeizige Karla Breuer mit ihrem Kollegen Jakob Strauss, einem beleibten Geheimdienstler aus Deutschland, im Auto auf den Weg durch dichten Wald nach Schweden. Grund der Fahrt: Eine seit 30 Jahren inaktive Telefonnummer wurde plötzlich aktiviert. Eine Telefonnummer? Ja, die Nummer des Terroristen Abu Rasil, welchen Breuer hofft nun endlich hochnehmen zu können. 

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 werden die Konflikte zwischen Russland und der ehemaligen DDR plötzlich wieder hochaktuell. Doch welche Rolle spielt Schweden dabei und welche Interessen haben die verschiedenen Geheimdienste?

Weniger ist mehr

Ich finde es immer spannend, wenn eine Geschichte aus verschiedenen Perspektiven heraus erzählt wird. Dass ein allwissender Erzähler kapitelweise den Schulterblick von Agneta zu Sara wechselt, dazwischen zu Breuer, gefällt mir. Allerdings sind die Kapitel nicht betitelt und es dauerte meist einen Abschnitt, bis mir klar war, auf welcher Seite ich mich gerade befand. Manchmal habe ich das Kapitel dann nochmal von vorn begonnen. Die Kapitel haben eine stark variierende Seitenanzahl, was den Lesefluss ebenfalls stört.

Es passiert mir selten, dass ich eine Figurenkonstellation der auftretenden Figuren zeichne, um den Überblick zu behalten. Hier hab ich es getan. In raschem Tempo werden viele Personen eingeführt. Skördeman geht dabei auf Details im Leben der Figuren ein, die nicht relevant gewesen wären (vielleicht werden sie es noch in einem Folgeband)? Dafür habe ich mich oft gefragt: Was will Agneta denn überhaupt? Warum wird so wenig über den Terroristen Abu Rasil gesprochen und warum ist Saras Charakter derart impulsiv? 

Aber nicht nur bei den Figuren fehlte mir die ordnungsgebende Struktur. Auch bei der Handlung. So gibt es zum Beispiel viele Nebenhandlungen, die stark ausgeschmückt meines Erachtens kaum zum Hauptkonflikt beitragen. Einiges davon wird am Ende zwar aufgenommen, manches bleiben aber auch offen. Die vielen Details nehmen die Spannung und verlangsamen das Tempo, was ich bei einem Thriller besonders schade finde.

Figuren ohne Lerneffekt

Protagonisten sollten, wenn nicht Helden, so doch zumindest in gewisser Weise Vorbilder sein. Ich will Sympathie für sie hegen oder Verständnis für ihre Handlungen aufbringen können. Die Antipathie hingegen ist die Aufgabe des Antagonisten. Diese Rollenverteilung war in Geiger aber nicht so klar umrissen, was es für mich schwierig machte, mich überhaupt in irgendeine Figur hineinzuversetzen.

Sara ist sehr impulsiv, sie zerschlägt das geliebte Cello ihres Ehemanns Martin, als sie glaubt, er ginge ihr fremd. Und sie entschuldigt sich nicht einmal, als sie merkt, dass sie sich irrt. Unbedingt will sie den Mörder von Onkel Stellan finden, unbedingt will sie Misshandlungstäter verhaften und nimmt dabei weder auf Vorschriften noch auf ihre Familie Rücksicht. Sie hat Probleme mit Gewalt und Prostitution und obwohl sie sich vornimmt, dass sie daran etwas ändern will, tut sie es nicht. Ihre Figur macht mehr schlecht als recht eine Wandlung durch, obwohl sie grosses Potenzial dafür hätte. (Auch hier wieder: Vielleicht folgt diese Entwicklung in einem zweiten Band? Aber ich finde auch, dass ein erster Band als geschlossenes Ganzen funktionieren muss.)

Gedanken zur Übersetzung

Leider kann ich kein Schwedisch. Die Übersetzung ins Deutsche von Thorsten Alms, die ich stattdessen vorliegen habe, liest sich flüssig und bildhaft. Vermutlich dringt hier die Originalsprache Skördemans durch, welcher auch Filmautor und Filmregisseur ist.

Was ich etwas schade finde, ist, dass die Tonalität in den einzelnen Perspektiven kaum variiert. Ich hätte mir vorgestellt, dass Agneta ganz anders spricht und denkt als Sara. Einzig bei Breuer ist eine etwas derbere und kantigere Sprache herauszulesen. (Ich denke, diese Gleichförmigkeit ist mit ein Grund, warum ich jeweils einen ersten Absatz gebraucht hatte, um zu verstehen, aus welcher Perspektive das Kapitel geschrieben war.)

«Elevator music» oder Thriller?

Ich finde es lobenswert, wie Skördeman versucht historische Elemente einzubeziehen und zur Grundlage der Erzählung werden zu lassen. Ich hätte es hier allerdings sehr geschätzt, wenn der Autor in einem Nachwort Stellung genommen hätte, was davon real und was dazu gedichtet ist.

Meine Kolleginnen und Kollegen in der Leserunde des Orell Füssli Book Circles haben das Buch einmal mit «Elevator music» verglichen. Das triffts meines Erachtens nicht schlecht. Kritiklosere Leserinnen und Leser als ich finden in Geiger womöglich eine entspannte zu-Bett-geh-Lektüre. Wirklich «gethrillt» war ich kaum – obwohl ich eher zu den zartbesaiteten Menschen gehöre und darum leichte Beute gewesen wäre. 

Geiger ist das Erstlingswerk von Gustaf Skördeman und es ist sicher fair, sich dies beim Lesen ins Bewusstsein zu rufen. Damit verzeiht man schneller mal noch Unstimmigkeit oder Inkonsequenz. Ich würde Skördeman aber raten, die Folgebände schlanker daher kommen zu lassen, fokussiert auf das Wesentliche – denn der Plot bietet im Grundsatz sehr viel Potenzial und Spannung!

GUSTAF SKÖRDEMAN
GEIGER (Band 1 der «Geiger-Reihe»)
Übersetzung aus dem Schwedischen von Thorsten Alms
© Lübbe
ISBN 978-3-7857-2737-9
Erschienen in 2021 (Originalsprache 2020)
Kartonierter Einband
496 Seiten

Das Buch habe ich im Rahmen einer Leserunde des Orell Füssli Book Circles gelesen. Geiger wurde mir von der Buchhandlung als Rezensionsexemplar zugestellt. Meine Meinung bleibt unbeeinflusst. 

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