Smartphone vor Eukalyptus, das Cover des Buches auf dem Bildschirm

REZENSION | Marco Balzano: Ich bleibe hier

Die Geschichte hinter der Graun’schen Touristenattraktion

Idyllisch isch sie ohne Diskussion, die Landschaft im Südtirol. Umgeben von Bergen liegt der Reschensee, unschuldig glitzert er im Sonnenlicht und birgt in seinen Tiefen eine düstere Geschichte. Von Graun in Vinschgau (Italien) ist die Rede. Und vom Kirchturm von Alt-Graun, der mitten aus dem heutigen Bergsee ragt. 

Graun gilt als Touristenattraktion, die Menschen stehen Schlange um sich ein Selfie mit dem berühmten Kirchturm zu ergattern. An die versunkene Stadt Atlantis fühlt man sich beim Anblick erinnert – oder an die Netflix-Serie «Curon», eine «übernatürliche Drama-Serie», welche in Graun (auf Italienisch «Curon») spielt.

Doch was ist die Geschichte hinter diesem Kirchturm? Warum steht er im Wasser? 

Ein Bergdorf im Kampf zwischen Faschismus und Nationalsozialismus

Diese Fragen beantwortet Marco Balzano in Ich bleibe hier zwischen den Zeilen. Als Basis für die Handlung im Buch dienen historische Fakten. Balzano hat jahrelang recherchiert und alles studiert, was es zum Thema Graun in den Jahren 1939 bis 1943 zu lesen gab, wie er uns im Nachwort verrät. Doch letztendlich blieben «die Fakten Ausgangspunkt, nicht das Ziel», so der Autor. Figuren und Handlung sind Fiktion. 

Die Hauptfigur Trina schreibt in einem Notizbuch an ihre Tochter und erzählt von den Jahren der faschistischen Herrschaft Italiens. Aber auch vom historisch wichtigen Jahr 1939, als Hitler im Bergdorf einmarschierte und «die grosse Option» folgte.

Trina ist Deutschlehrerin mit einem starken Gewissen und Willen. Sie schliesst sich dem Widerstand gegen den italienischen Faschismus an und lehrt versteckt in Ställen und Kellern Deutsch. 1939 optiert sie aber nicht, stattdessen bleibt sie ihrer Heimat treu, widersetzt sich jeglicher Fremdbestimmung durch Italien oder Deutschland und bemüht sich stattdessen für die Unabhängigkeit ihres Bergdorfs. Als ein Energiekonzern letztlich beschliesst, einen Stausee zu bauen und Felder und Häuser zwecks Elektrizitätsgewinnung zu überfluten, wehrt sie sich mit allem, was sie hat.

Eine Familie personifiziert die Stimmung im Dorf

Balzano lässt auf grossartige Weise verschiedene damalige Standpunkte der Menschen im Dorf in einer fiktiven Familie aufeinanderprallen. Die Situation in Graun zu Beginn des Zweiten Weltkriegs personifiziert sich so in Trina und ihrem Ehemann Erich, die sowohl unter der italienischen, als auch unter der deutschen Herrschaft leiden und sich fortan weder als italienisch noch deutsch, sondern einfach als «Bauern» bezeichnen. 

Dem gegenüber stehen ihre zwei Kinder. Ihr Sohn Michael vergöttert Hitler, meldet sich freiwillig bei der deutschen Wehrmacht. Die Tochter Marika flieht ins Ausland, da sie im Bergdorf keine Zukunft sieht. Die Figuren übernehmen je eine Rolle im grossen Ganzen – und eine spannende dramaturgische Verdichtung ergibt sich. 

Stil und Sprache in Hörbuch und Übersetzung

Gelesen von Dominique Lüdi habe ich eine Übersetzung aus dem Italienischen von Maja Pflug gehört. 

Sowohl die Buchteile, als auch die einzelnen Kapitel haben eine gute Länge. Lüdi spricht in einem prima Tempo, nicht zu langsam, nicht zu schnell. Sie hat eine angenehme Stimme, freundlich, nicht zu stilisiert. Natürlich, aber sauber akzentuiert und ohne grosses Drama. Das gefällt mir. 

Die Sprache in der Übersetzung ist ähnlich ohne grossen Pathos, aber gepflegt. Es ist eine schöne Sprache und ich folge den Ausführungen gern. Minuten vergehen, ohne dass ich es merke. Plötzlich sind Stunden vergangen. Das Hörbuch mit einer Länge von knapp sechs Stunden hatte ich an einem Tag durch.

Empfehlung? 

Jep, klare Empfehlung. Eigentlich für alle und jede:n. Das nächste Buch von Balzano steht schon auf meiner Leseliste – und Graun auf meiner Liste derjenigen historisch interessanten Orte, die ich unbedingt einmal besucht haben möchte.

MARCO BALZANO
ICH BLEIBE HIER
Übersetzung aus dem Italienischen von Maja Pflug
Gelesen von Dominique Lüdi
© Diogenes Hörbuch
ISBN 978-3-257-69391-1
Erschienen im Oktober 2020
358 Minuten

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2 Comments
  • Zeilentänzerin
    Posted at 15:48h, 28 Mai Antworten

    Hey=)

    Mir gefiel tatsächlich, dass das Hörbuch eine angenehme Länge hat. Denn das ist tatsächlich meist der Grund, weswegen ich nicht zu Hörbüchern greife. Das lange Zuhören strengt mich enorm an. Ansonsten liebe ich ja Bücher aus dem Diogenes-Verlag und freue mich auf die kommenden Neuerscheinungen. Das Buch soll ja auch ein gutes sein. Ist notiert =)

    Zeilentänzerin

    • Noëmi
      Posted at 15:30h, 08 Juli Antworten

      Ja, das stimmt! Ich habe letzthin ein Hörbuch gehört, das gefühlt nicht enden wollte. Das finde ich dann schwierig, wenn das Buch thematisch zwar toll wäre, aber der Sprecher oder die Sprecherin sich soo viel Zeit lässt. Da überlege ich mir dann schon, das Buch halt in einer anderen Form doch nochmal zu kaufen und selber zu lesen…

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