André Doutreval: Ein Leben für den Tanz

Autobiografie | In Gedenken an seine verstorbene Frau und Tanzpartnerin Silvia schreibt André Doutreval seine Autobiografie. Er erzählt von seinem stetigen Streben nach mehr, danach über sich selbst hinauszuwachsen, immer grössere Bühnen zu erobern und letztlich sein umfassendes Wissen an seine Schüler:innen weiterzugeben.

In Gedenken an seine verstorbene Frau und Tanzpartnerin Silvia schreibt André Doutreval seine Autobiografie Ein Leben für den Tanz. Er erzählt von seinem stetigen Streben nach mehr, danach über sich selbst hinauszuwachsen, immer grössere Bühnen zu erobern und letztlich sein umfassendes Wissen an seine Schüler:innen weiterzugeben. 

Eine turbulente Zeit am Theater

Doutreval schildert, wie er bereits früh im Ballettunterricht mit seiner Schwester hervorstach. Bald schon zeigte er als Eleven am Theater, was er konnte. Aus dem Meistereleven wurde ein Solotänzer, ein Ballettmeister und letztlich Inhaber der Ballett-Schule Doutreval. Ja, sogar ein Tanztheater gründeten er und Silvia in Kassel. 

Ein Leben als Tänzer:in bedeutet stets Kompromisse einzugehen um Träume verwirklichen zu können. Aber auch: Kreativität im Alltag und im Trainingssaal sind gefragt, Existenzängste und ständige Wechsel an der Tagesordnung. Der Applaus am Ende eines Auftritts macht aber das meiste davon wieder wett. 

Beim Lesen erlauben diverse Fotos weitere Einblicke in Doutrevals Leben: Bilder von Aufführungen, private Fotos von Silvia und ihm, Familienfotos, Bilder aus dem Trainingssaal oder Werbematerial der Ballett-Schule und des Tanztheaters.

Tänzer:in – und ein Zweitberuf?

Rückblickend beeindruckt mich insbesondere Doutrevals Engagement um Versicherungsschutz für seine Berufskolleg:innen. Er vertritt klar die Meinung, dass Ausbildungsstätten Tänzerinnen und Tänzern einen Zweitberuf ermöglichen sollen, damit diese im Hinblick auf ein verfrühtes Karriereende abgesichert seien. Dieses Bewusstsein existiert bis heute kaum, so Doutreval:

Mit gesunden Menschenverstand müsste man einsehen, wie wichtig eine Zweitausbildung für Tänzer wäre. Doch in der Praxis bewegt sich nichts.

Um dieses Bewusstsein zu fördern, führt Doutreval selbst eine Gesundheitsbefragung bei knapp 200 seiner Berufskolleg:innen durch und erkundigt sich nach deren körperlichen Problemzonen aufgrund des Balletts. Auffallend: Es sind nicht nur die Füsse oder Beine, wie man vielleicht annehmen würde, sondern auch die Hüften, Rücken und bei den Männern die Schultern (aufgrund der zahlreichen Hebefiguren), welche unter der ständigen Abnützung leiden. Verletzungen und Überlastungen nehmen ab 30 Jahren stark zu – eine Zweitausbildung als Ergänzung zum Ballett regulär einzuführen, erscheint also mehr als vernünftig. 

Ein sachliches Buch über einen fortschrittlichen Tänzer

Ich war auch jahrelang als Tänzerin auf urbanen Bühnen unterwegs und darum sehr gespannt auf Doutrevals Erlebnisse aus dem klassischen Bereich. Seine Autobiografie ist thematisch sehr gelungen: Das Leben am Theater, zwischen Selbstständigkeit und Unabhängigkeit, die unsichere Zukunft portraitiert er wunderschön. Auch die erfüllenden Momente auf der Bühne oder im Training, das unbezahlbare Gefühl, wenn Schülerinnen und Schülern ihre Dankbarkeit zeigen. 

Vielleicht hätte ich mir von Doutreval aber etwas mehr Emotionen in der Sprache gewünscht, denn das Buch ist sehr sachlich formuliert. Als Sachbuch ist dies nicht weiter verwunderlich und ich bin mir auch bewusst, dass Doutreval Tänzer und nicht in erster Linie Autor ist. Dennoch hätte ich gerade von ihm als Tänzer etwas mehr Emotionen und Leidenschaft erwartet. Die Länge war für mich darum auch am oberen Limit. Dies vielleicht auch, weil für mich aufgrund der eigenen Erfahrungen einiges nicht ganz «neu» war. 

Was ich als studierte Tanzwissenschaftlerin aber auf jeden Fall ganz toll fand, war, dass Doutreval ein ganzes Kapitel (und auch Kurse in seiner Ballett-Schule Doutreval) der Tanzgeschichte widmet. Ich bin völlig einverstanden mit ihm, dass die Tanzgeschichte zur Tanzausbildung dazugehören soll – da kann sich die urbane Tanzszene ganz gerne eine Scheibe von abschneiden.

Ein Leben für den Tanz – Die Geschichte einer Leidenschaft

von André Doutreval

in Zusammenarbeit mit René Staubli

rüffer & rub Sachbuchverlag | 2020 | 272 Seiten

ISBN 978-3-906304-69-4 | Hardcover mit Umschlag

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar vom Verlag

2 Kommentare

  1. Zeilentänzerin

    Hey=) Deinen Wunsch nach mehr Emotionalität kann ich gut nachvollziehen. Denn gerade von jemandem, der etwas leidenschaftlich ausübt, erwartet man diese ja zwangsläufig. Klingt dennoch nach einem durchaus spannenden Buch, besonders wenn man sich für die Thematik interessiert =)

    Zeilentänzerin

    Antworten
    • Noëmi

      Das Buch gibt einen wirklich guten Einblick in das Leben eines Balletttänzers, ja. 🙂 Auf andere Tanzstile lässt es sich dann aber nur teilweise übertragen, finde ich.

      Antworten

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwei × 1 =

Handy mit Coverbild vor Reben

Susanne Abel: Stay away from Gretchen

Historischer Roman | Schlicht ein Must-read. Das Buch ist derart vielschichtig, dass für jeden etwas dabei ist. Versprochen. 😉

Andreas Russenberger: Bahnhofstrasse

Roman | Philipp Humboldt, Professor an der Universität Zürich, erhält den Auftrag, ein Firmenportrait über die Privatbank von Werdenberg zu verfassen. Der Direktor will seine Bank verkaufen, der Erlös soll der Stiftung seiner Tochter zugutekommen. Als bei den Recherchearbeiten Unstimmigkeiten auftreten, beginnt Philipp auf eigene Faust zu ermitteln und stösst auf alte Geheimnisse.

Alex Capus: Königskinder

Als Max und Tina beim Überqueren eines Alpenpasses eingeschneit werden und die Nacht im Auto verbringen müssen, erzählt Max die Geschichte von Jakob, dem Kuhhirten. Am Berghang vis-à-vis steht seine Hütte aus der Zeit der Französischen Revolution. Max berichtet, wie Jakob sich in die reiche Bauerntochter Marie verliebt. Als der Bauer vom Liebesglück erfährt, schickt er Jakob in den Kriegsdienst. Jahre später wird jener als Hirte an den Hof Ludwig XVI. gerufen. Und endlich scheint sich sein Glück zu wenden.