REZENSION | Alexandra von Arx: Im Buchstabenmeer

Im Buchstabenmeer von Alexandra von Arx ist wahrlich eine Buchperle: Wertvoll in der Aussage, natürlich in der Entwicklung und einzigartig in den Figuren.

Eine Armenienreise verändert alles

Natascha, Übersetzerin und Reiseleiterin, steht ihrem On-/Off-Freund Jan regelmässig in seinem Kunstatelier Modell. Jan wirkt impulsiv, verlangend und sehr inspirierend auf sie. Als sie eines Tages auf einer Armenienreise den Wirtschaftsanwalt Paul kennenlernt, weiss sie plötzlich nicht mehr, was sie eigentlich will.

Jan und ein kreatives Künstlerleben oder doch lieber Paul und sein schier unvorstellbar hohes Gehalt? Reisen, übersetzen – oder vielleicht selbst Anwältin werden? In diesem Sturm an Entscheidungen, die es zu treffen gilt, stellt ihr alter Freund Alexei ihr eines Nachts unter dem armenischen Sternenhimmel die entscheidende Frage: «Und wann beginnst du zu schreiben?»

Eine einzigartige Protagonistin

Mit Natascha entscheidet sich die Autorin für eine Figur, die Elemente aus ihrem eigenen Lebenslauf übernimmt. Auf ihrer Autoren-Webseite schreibt sie:

Alexandra von Arx, geboren 1972 in Olten, studierte Rechtswissenschaften in Bern, arbeitete danach ein Jahrzehnt als Juristin und verbrachte ein Jahr in Südamerika, bevor sie Wahlbeobachterin und freiberufliche Übersetzerin wurde.

– www.alexandravonarx.ch/autorin

Mit Recht, Übersetzung und dem Reisen kennt die Autorin sich aus. So fällt es ihr leicht, diese Elemente homogen in den Charakter von Natascha einzubringen. Die scheinbar gegensätzlichen, in einer Figur vereinten Interessen fühlen sich beim Lesen sehr erquickend an – sie machen die Protagonistin vielseitig. Natascha ist zudem sehr menschlich gestaltet. Sie geht joggen oder velofahren, wenn sie den Kopf lüften muss. Oder sie reimt unbewusst, sobald sie wütend ist. Details wie diese lassen sie lebendig wirken, verleihen ihr Einzigartigkeit und erwecken den Eindruck einer realen, menschlichen Figur, die man im Laufe der Geschichte richtig gut kennen- und (ein)schätzen lernt.

Wie ein impressionistisches Bild von Claude Monet

Claude Monet (1840–1926) war ein impressionistischer Maler, der mit seinem einzigartigen, impressionistischen Stil berühmt wurde. Oft verwendete er in seinen Bildern die Kommatechnik. Dabei setzte er mit deckender Farbe kommaartige Pinselstriche dicht nebeneinander. Aus der Ferne und im Auge des Betrachters ergab sich dabei eine harmonische Farbwirkung.

Im Buchstabenmeer hat mich an diese Maltechnik erinnert. Alexandra von Arx beschreibt Details, Charaktereigenheiten und Gedankengänge der Protagonistin pointiert und klar, lässt aus diesen «Pinselstrichen» ein stimmiges Ganzes entstehen, ohne dabei je den roten Faden zu verlieren: Das Buch überzeugt in seiner Gesamtkonzeption. Die Dramaturgie passt, die Geschichte ist kurzweilig und spannend. Die originelle Erzählung macht es unmöglich, das Buch wegzulegen.

Die Sprache einer Übersetzerin

Wie bereits oben erwähnt, ist Alexandra von Arx selbst auch Übersetzerin. Es überrascht daher kaum, dass Im Buchstabenmeer in eine sehr schöne Sprache gekleidet ist. Die gewählten Worte umschreiben genau und harmonisch die jeweilige Situation. Alexandra von Arx trifft den für die Geschichte passenden Ton. Sie formuliert feinfühlig eine moderne Frauenfigur, die sich mit den grossen Lebensfragen auseinandersetzt: Wer bin ich und was will ich?

Auch haptisch ein schönes Buch. Sehr zu empfehlen.



Alexandra von Arx: Im Buchstabenmeer. © Knapp Verlag 2021. ISBN 978-3-906311-77-7, Hardcover, 160 Seiten.


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1 Kommentar
  • Zeilentänzerin
    Veröffentlicht um 17:44h, 22 Oktober Antworten

    Hallo du Liebe, das klingt wirklich nach einem sehr gelungenen Buch! Besonders was du zur Sprache sagst, finde ich interessant, denn die finde ich immer besonders wichtig.

    Zeilentänzerin

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