Buchcover vor Palme und Teppich

REZENSION | Markus Somm: Warum die Schweiz reich geworden ist

Mit Joseph Jung’s Laboratorium des Fortschritts bin ich bereits einmal in die Schweizer Anfänge gereist (und habe dir hier davon berichtet). Während Jung den Fokus auf die Entwicklungen des jungen Bundesstaates richtet, geht Markus Somm noch einen Schritt weiter zurück und erzählt von der Textilindustrie der Eidgenossenschaft im 16. Jahrhundert. Er berichtet von Zünften, den Auswirkungen der Reformation und wie sich Verleger (im heutigen Sinne von Unternehmen) erstmals einen Namen machten.

Zünfte versus Unternehmer

Die Schweizer Kantone sind Mitte des 16. Jahrhunderts noch weit davon entfernt, sich als Bundesstaat zu verstehen – im Gegenteil: Die Reformation treibt einen Keil zwischen die protestantischen und katholischen Kantone. So kommt es, dass Einwohner:innen vom einen Kanton als protestantische Verfolgte in einen anderen auswandern müssen. Beispiel? Gerne.

147 Einwohner:innen aus Locarno ziehen mit viel Gepäck und Lasttieren zu Fuss nach Zürich. Ein Zürich, das sich überhaupt nicht mit der heutigen Grossstadt vergleichen lässt: Die Zünfte sorgen mit pingeliger Genauigkeit dafür, dass sich alle Mitglieder an die Zunftregeln halten. Innovation sucht niemand, das Phänomen «Unternehmen» kennt niemand. Noch. Als die Locarner nach rund zwei Wochen Fussmarsch in Zürich eintreffen, will sie erstmal niemand einstellen, da die Zürcher:innen Konkurrenz fürchten. Aus der Not eine Tugend machend, steigen die «Einwanderer» in die Seiden-, Baumwoll- und Samtproduktion ein, die noch kaum von den Zünften bestimmt ist. An den Leinenweber-Zünften und Handwerkern vorbei entwickeln sich so nach und nach florierende Unternehmen, die den künftigen wirtschaftlichen und finanziellen Erfolg der Stadt Zürich einläuten.

Kurzweilige Wirtschaftsgeschichte

Das Sachbuch ist abwechslungsreich geschrieben. Konkrete Beispiele von historischen Personen, die exemplarisch für eine bestimmte Entwicklung Erwähnung finden, lockern das historische Material auf. Somm schreibt in einer gepflegten Sprache nicht nur über Zürich, sondern auch über andere Schweizer Städte. Er formuliert unterhaltsam und stilistisch weit weg von einer trockenen Wissenschaftssprache. (Allerdings hält er sich soweit an die Regeln, dass er am Ende ein rund 20-seitiges Quellen- und Literaturverzeichnis anbringt.)

Etwas, worüber ich trotz allen Lobes mehrmals gestolpert bin, waren die Anglizismen wie beispielsweise «last but no least». Die passten meines Erachtens überhaupt nicht in den Wortfluss, wirkten störend und völlig fehl am Platz.

Die Faszination der Anfänge

Anfänge faszinieren mich schon immer. Nicht nur, weil sich aus einer Anfangsperspektive viel Freiheit und Potenzial ergibt, sondern weil Anfänge rückblickend betrachtet oft erklären, warum etwas heute ist, wie es nun mal ist. Hast du dich zum Beispiel schon mal gefragt, warum Zürich heute viel grösser und reicher als Bern – und dennoch Bern die Hauptstadt ist? Wie kommt das? Welche Entwicklungen haben dazu geführt?

Wenn historische Anfänge dich ebenso interessieren wie mich, empfehle ich dir das Buch wärmstens. Mir haben sich damit viele interessante Ansichten und Zusammenhänge erschlossen. Wenn du beim Lesen allerdings lieber im Heute als im Gestern verweilst, dann ist das Buch vielleicht eher nichts für dich. Der Schwerpunkt liegt klar historisch. Viel Spass beim Entdecken!



Markus Somm: Warum die Schweiz reich geworden ist. Mythen und Fakten eines Wirtschaftswunders. Stämpfli Sachbuchverlag 2022. ISBN 978-3-7272-1288-8. Hardcover mit Umschlag, 296 Seiten.


Das Buch wurde mir vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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