Coverbild des Buches von Reto Kohler: Ausbrecherkönig Stürm

REZENSION | Reto Kohler: Ausbrecherkönig Stürm

Reto Kohlers Ausbrecherkönig Stürm erschien bereits 2004. Im September 2020 feierte der Kinofilm zum Buch Premiere, was wiederum zu einer Neuauflage von Kohlers Buch geführt hat. Dieses ist im Zytglogge Verlag erschienen.

Ich finde ja Bücher, die sich nahe am Leben abspielen immer sehr spannend. Auch deshalb interessiere ich im aktuell grad sehr für true crime Serien oder Dokus auf Netflix. Als ich dann von Stürm gehört habe, konnte ich gar nicht anders, als mir das Buch zu bestellen.

Biografie und Werdegang eines Diebs

Walter Stürm ist eine beachtliche Persönlichkeit. Schon als Teenager klaut er seine ersten Autos, später bricht er in Geschäfte und Banken ein und stopft seine Taschen mit Bargeld voll. Er bleibt seiner «Berufung» treu, bleibt zeitlebens ein Dieb, sieht sich selbst aber als Business-Mann – nicht als Verbrecher. Er fährt in schnittigen Autos vor, verschenkt den Damen massenweise Rosen, spielt den Gentlemen, der die Runde Bier ausgibt. Ein Dieb der Extraklasse.

Reto Kohler verfolgt und beschreibt Stürms Biografie und damit zugleich auch eine Gesellschaftsanalyse der 60er, 70er, 80er Jahre. Insbesondere die «Knastdebatte» steht im Zentrum der angeführten politischen und gesellschaftlichen Bewegungen: Was sind die Rechte von Häftlingen? So kommt es, dass haufenweise Linkspolitische jedesmal jubeln, wenn Walter Stürm wieder einmal eine Flucht aus dem Gefängnis geglückt ist. Denn ausbrechen kann er mindestens so gut wie einbrechen.

Verbrecher vs. sympathischer Pazifist

Was ich am Buch sehr spannend finde, ist, dass es irgendwie wertfrei geschrieben ist. Man merkt, dass Reto Kohler versucht, den Walter Stürm zu verstehen, zu greifen, nahbar zu machen. Er taucht in massenweise Akten und Geschichten ein, trifft Leute, die Stürm gekannt haben: Die Figur Stürm beschäftigt ihn, das merkt man.

Mich lässt die Biografie irgendwie irritiert zurück. Mitfühlend und nachdenklich. Es ist gar nicht mal so lange her, dass Stürm in der Schweiz Tresore geknackt hat und in allen Zeitungen war. Die Leute hatten aber nicht etwa Angst vor ihm, sondern sie liessen ihn hochleben – zumindest ein Teil davon. Stürm wurde zur politischen Figur, zum sympathischen Pazifist, der im Prinzip nur gegen den Kapitalismus ankämpfte. So kann man es auch sehen.

Buchempfehlung ja – Kinofilm nein

Natürlich musste ich nach der Lektüre auch gleich noch den Kinofilm «Stürm: Bis wir tot sind oder frei» ansehen (gibt es übrigens auf Youtube zum Ausleihen).

Leider hat mir der Film gar nicht gepasst. Und das ziemlich sicher, weil ich Stürm vom Buch her bereits kannte und dann überall aufseufzte, wo der Film abkürzte oder Dinge zusammenführte, die nicht zusammengehörten. Mal abgesehen davon, finde ich dass im Film etwas ganz wichtiges fehlt: Und das ist der Charakterzug Stürms, der ihn ein- und ausbrechen liesst. Gemäss Akten muss er quasi ständig auf Achse gewesen sein, beinahe hyperaktiv. Im Film scheint ihn vorallem die Beziehung zu seiner Anwältin zu interessieren. Schade.

Das Buch fand ich toll, wobei es an manchen Stellen der Gesellschaftsanalyse womöglich ein bisschen ausufert. Eine stärkere Fokussierung auf Stürm und weniger auf Nebenfiguren und das Drumherum hätte mir gepasst. Alles in allem aber sehr spannend. Und besonders eindrücklich, weil Walter Stürm hierzulande sowas wie eine Legende ist! 😄



Coverbild Ausbrecherkönig Stürm

Das Buch rekonstruiert Walter Stürms einzigartigen und gleichermassen exemplarischen Werdegang vom anfänglichen Kleinkriminellen zum seinerzeit meistgesuchten Verbrecher der Schweiz und zur vermeintlichen Ikone im Kampf gegen den Kapitalismus. – Fesselnde Lektüre, bewegendes Zeitdokument und Grundlage für den mehrfach preisgekrönten Kinofilm: «Stürm: Bis wir tot sind oder frei» unter der Regie von Oliver Rihs mit Marie Leuenberger, Joel Basman, Anatole Taubman, Bibiana Beglau, Pascla Ulli, Jella Haase u. v. a.

Reto Kohler: Ausbrecherkönig Stürm. Im Gefängnis der Lügen. Mit einem Nachwort von Frank Urbaniok. Zytglogge Verlag 2021 (3. Auflage). ISBN 978-3-7296-5056-5. Hardcover, 360 Seiten.


Du willst mehr? Hier geht’s zu weiteren Rezensionen.

Disclaimer: Buchexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

1 Kommentar
  • Zeilentänzerin
    Veröffentlicht um 17:21h, 09 April Antworten

    Hey du Liebe, oft machen die Kinofilme das Buch kaputt, das ist zumindest meine persönliche Erfahrung, weswegen ich gut nachvollziehen kann, dass dir hier das Buch wesentlich besser gefiel als die Kinoverfilmung dazu. Ich kenne das Buch nicht und finde es immer toll, dann Rezensionen zu lesen, die mich neugierig auf mir unbekannte Bücher machen.

    Liebe Grüße,
    Zeilentänzerin

Kommentar schreiben