Buch vor Zimmerpflanzen und Holzwand

REZENSION | Rebekka Salm: Die Dinge beim Namen

Alex Capus schreibt «Die Schweiz hat eine neue Erzählerin» und ich gehe mit ihm völlig einig. Rebekka Salm gewann 2019 mit dem Buch Das Schaukelpferd in Bichsels Garten (2021) den Schreibwettbewerb des Schweizer Schriftstellerwegs. Im April 2022 veröffentlicht sie nun Die Dinge beim Namen – die Geschichte(n) eines Dorfes. Und ich bin ein Fan!

1 Dorf – 12 Geschichten

Die Dinge beim Namen ist eine Entdeckungsreise aus zwölf Perspektiven. So lernen wir die Bewohnerinnen und Bewohner eines kleinen Dorfes auf dem Land kennen. Jede:r der zwölf Erzähler:innen verfügt über eine eigene Stimme, Ansichten, Wünsche, über eine eigene Wahrheit und Sehnsüchte. Rebekka Salm ist eine Heldin des Perspektivenwechsels und versteht es ausserordentlich, die zwölf Geschichten mitreissend zu verflechten. Die Bewohnerinnen und Bewohner gewinnen in unserer Vorstellung mit jeder weiteren Geschichte an Farbe und Form, ebenso die Dynamiken im Dorf, wo die einen über die anderen Bescheid zu wissen glauben. Und dabei von der Realität kaum weiter entfernt sein könnten.

Der Blick für das Leise

Was mir am besten gefallen hat, war Salms Blick für das Feine, das Leise, das im Gesagten mitschwingt. Es sind nicht die schreienden Taten der Figuren, die den Roman ausmachen. Es sind die sanften Zwischentöne, die überzeugen. Die stillen Hoffnungen, die tragischen Schicksale der Figuren, einzigartig und dennoch irgendwie allgemeingültig. Die Schuld oder geschulterten Lasten der einzelnen – berechtigt oder nicht – die getragen werden müssen. Und der schlängelnde Lauf des Lebens, den wir alle gehen, diesen formuliert Salm auf eine wundersam treffende Weise.

Innere und äussere Realitäten

Ein Gedanke, der mich durch die Seiten begleitet hat war: Wie krass sich doch innere und äussere Realitäten widersprechen können! Wir bilden uns sofort eine Meinung über alles Mögliche: Menschen, News, Umstände. Aber wie oft schauen wir genau hin, bevor wir uns eine Meinung bilden? Wie oft fragen wir konkret nach? Wollen wir es tatsächlich wissen, wenn wir jemanden fragen: Wie geht’s dir? Sehen wir unsere Mitmenschen oder geben wir uns mit ihrer Fassade zufrieden?

Ein Buch über das Leben. Genial, nah, mitreissend. Liebe Rebekka Salm – bitte mehr davon!



Coverbild ©Knapp Verlag

Ein Dorf wie viele andere: Es gibt eine Selbstbedienungstankstelle, einen Dorfladen und einen Haufen Einfamilienhäuschen. Etwas ausserhalb wohnt die schöne Chantal, die eigentlich anders heisst und von Berufes wegen zu viel weiss. Die Kirche ist leer, das Wirtshaus voll. Die Dorfmusik probt über dem Magazin der Feuerwehr. Freddy sammelt leidenschaftlich Käfer, die jung gebliebene Micha fährt samstagabends mit dem Bus in die grosse Stadt. Der pensionierte Dorfpolizist Lysser hütet ein dunkles Geheimnis – und der Vollenweider schreibt alles auf.

Rebekka Salm: Die Dinge beim Namen. Knapp Verlag 2022. ISBN 978-3-907334-00-3. Hardcover, 182 Seiten.


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Disclaimer: Buchexemplar wurde mir vom Verlag zur Verfügung gestellt.

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