Robert Seethaler: Das Café ohne Namen

Roman | Das Café ohne Namen ist ein Buch, das die leisen Schicksale des Lebens zelebriert und die Weisheit des Augenblicks einfängt. Lies rein.
TAGS: Romane
Das Buch liegt auf dem Boden, auf einer Art von Flechten, die teilweise über das Titelbild zu wachsen scheinen. Auf dem Coverbild von «Das Café ohne Namen» von Robert Seethaler ist ein junger Mann mit Hemd abgebildet, der nach rechts schaut.

Inzwischen kaufe ich viele Bücher im Internet, das gebe ich zu. Ich bin weniger versucht, noch 10 weitere Titel zur Kasse zu tragen. Ihr kennt das Problem sicher. 🌝 Aber «Das Café ohne Namen» von Robert Seethaler habe ich in einer physischen Buchhandlung in Worb gekauft. Und es war Liebe auf den ersten Blick.

Simon Roberts Traum vom eigenen Café

Jedes Mal, wenn Simon Robert am verstaubten alten Café vorbei zum Marktplatz geht, wächst sein grösster Traum. Der Traum vom eigenen Café – statt der täglichen Arbeit als Tagelöhner. Gelegenheitsarbeiten kann er zwar gut, aber so richtig erfüllen tun sie ihn nicht.

Als sich eines Tages die Gelegenheit bietet, greift er beherzt zu. Einen Namen braucht sein neues Café nicht. Es ist einfach das Café, in dem sich alle treffen. Im Sommer, um ein kühlendes Getränk zu schlürfen. Im Winter, um die klammen Finger an einem heissen Punsch zu wärmen. Um über das Leben zu plaudern. Oder schlicht: um nicht allein zu sein.

Unaufgeregt

So habe ich das Buch erlebt. Obwohl viele grosse Lebens- und Schicksalsthemen angesprochen werden, ist es die innere Ruhe, die den besonderen Wert des Romans ausmacht. Es liegt eine gewisse Weisheit darin, das Leben nicht zu ernst zu nehmen. Auch wenn es manchmal sehr turbulent erscheint. Turbulenzen gehören zum Leben. Nehmen wir sie an. Sie sind okay.

Die unterschiedlichsten Seelen kommen ins Café. Die einen haben gerade ihren Mann verloren. Andere wollen im Rampenlicht stehen. Wieder andere wollen jemanden kennenlernen. Manchmal haben die Seelen nicht einmal einen Namen. Es sind die leisen Schicksale, die uns, die wir lesen, beeindrucken und berühren. Wir brauchen keine Namen für die Figuren. Denn wir spüren sie.

Das Leben und die Träume

«Mit dem Café hatte er sich seinen Traum verwirklicht, doch nun wurde ihm die schlichte Tatsache bewusst, dass jeder Traum verschwindet, sobald er sich erfüllt.»

– Seite 157

Ein Gedanke, der irgendwie beängstigend ist und doch eine tiefe Wahrheit in sich trägt, nicht wahr? Oder hast du dir schon mal Träume erfüllt, die du bis heute noch richtig bewusst lebst? Oft ist es doch vielmehr so, dass wir uns (hoffentlich) einen Traum erfüllen und uns einen Moment lang sehr freuen. Doch dann lässt die Freude langsam nach… Bis sie sich schliesslich auflöst und neue Ziele oder Träume an ihre Stelle treten.

Aber auch das macht uns menschlich: Wir brauchen ein Ziel im Leben. Und Träume.

👉 Ein leises, unaufgeregtes Buch, das gerade darin seinen grössten Reiz entfaltet. Ein Roman über das Leben, im Setting eines Cafés, das keinen Namen trägt.

Auf dem Coverbild von «Das Café ohne Namen» von Robert Seethaler ist ein junger Mann mit Hemd abgebildet, der nach rechts schaut. Der Hintergrund ist weiss, das Cover trägt einen Spiegel-Bestseller-Aufkleber.

Das Café ohne Namen

von Robert Seethaler

Claassen Verlag | 2023 | 288 Seiten

ISBN 978-3-546100-32-8 | Hardcover mit Umschlag

Zum Buch

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

17 − sechs =

Bildcover Die Journalistin neben Zimmerpflanze

María Reig: Die Journalistin

Historischer Roman | Spanien, 1923. Die Geschichte handelt von Elisa Montero, die Journalistin werden will, doch die Gesellschaft erlaubt dies nicht. Also muss sie einen anderen Weg finden, um ihre Leidenschaft des Texteschreibens ausleben zu können und verstrickt sich dabei in allerlei Schwierigkeiten.

Cover vor Geranien_Ewald Lorenz: Der grosse Sommer

Ewald Arenz: Der grosse Sommer

Coming-of-Age | Ein Sommer, den Frieder so schnell nicht vergessen wird: Jetzt entscheidet sich seine Zukunft, er verliebt sich zum ersten Mal, erlebt Freundschaft und Angst, Respekt und Vertrauen, Liebe und Tod. Ein Sommer vollgepackt mit Erlebnissen und Emotionen.

Buchcover Martin Geiser «Ein Jahr mit Valerie» arrangiert mit Efeu und zwei Kerzen für Rezension

Martin Geiser: Ein Jahr mit Valérie

Im vergangenen Oktober veröffentlichte Martin Geiser, Lehrer an der Berufsfachschule Langenthal, seinen vierten Roman. Er kategorisiert «Ein Jahr mit Valérie» als «Generationenroman». Und das macht durchaus Sinn.