Stephan Weiner: Ellbogenland

Roman | Was macht ein Literaturabsolvent nach seinem Studium und wie findet er seinen Platz in der Arbeitswelt? Humorvoll, direkt und philosophisch reflektiert ein Absolvent seine ersten Schritte nach dem Studium.
TAGS: Romane
Das Buchcover von «Ellenbogenland» von Stephan Weiner ist vor einem Laubboden zu sehen, worin weisse Christrosen blühen. Ein paar grüne Blätter der Christrose sind ebenfalls zu sehen.

Das Buch «Ellbogenland» beschreibt die ersten Schritte eines Literaturabsolventen im Berufsleben. Wir begleiten ihn durch die Höhen und Tiefen seines Berufseinstiegs. Am Anfang scheint er genau zu wissen, was er will. Das ändert sich aber im Laufe des Buches und am Ende weiss er vor allem auch, was er nicht will.

In Tagebuchform verfasst, folgen wir den Gedanken des Protagonisten, gegliedert nach der Anzahl der Tage nach seinem Studienabschluss. Die Kapitel sind relativ kurz (2-3 Seiten pro Kapitel) und angenehm leicht zu lesen.

Für welchen Job studiert?

Das Buch deckt mehrere Probleme ab, denen Studienabgänger:innen gegenüberstehen. Insbesondere geht es auf die Schwierigkeiten philosophischer und historischer Studiengänge ein, die oft keinen klaren Berufsweg vorgeben. Wer Medizin studiert, wird Arzt oder Ärztin. Wer Jura studiert, wird Jurist:in oder Anwalt:in. Aber was wird aus denen, die zum Beispiel Literaturgeschichte studieren? Was wird ihr Beruf?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn es gibt unzählige Möglichkeiten. Die meisten aber führen über knapp bezahlte Praktika und schier endlose Jobsuchen.

Am besten jung, aber mit 10 Jahren Erfahrungen

Gerade in kreativen Berufen läuft viel über Netzwerke. So sollten Bewerber:innen am besten noch jung und formbar sein, dafür aber schon ein Netzwerk aufgebaut und am besten auch schon einige Jahre Erfahrung haben. Das Problem?

Wo soll man diese Erfahrung sammeln, wenn man sich – wie der Protagonist – weigert, im Rahmen von Praktika oder Volontariaten unentgeltlich für verschiedene Unternehmen zu arbeiten? Diese Weigerung ist in meinen Augen richtig, denn auch Studienabsolvent:innen müssen Rechnungen bezahlen.

Es braucht mutige Arbeitgeber:innen auf dieser Welt, die den im Berufsleben neu Eintretenden eine Chance geben und sie anständig bezahlen. Denn sie leisten schliesslich auch etwas für das Unternehmen – auch wenn (und manchmal gerade weil) sie noch nicht so viel Erfahrung haben.

Leistungsdruck in Werbeagenturen

Eine Zeit lang arbeitet der Protagonist dann für die Agentur B&G – Dancing for Brands unter einer sich drehenden Discokugel und macht seine ersten Erfahrungen mit Leistungsdruck und Kontrolle. Mit oberflächlichen Arbeitsbeziehungen und unmenschlichen Arbeitsbedingungen.

In diesen Kapiteln fühlte ich mich in der Zeit weit zurückgeworfen, wo der Schein noch mehr wog als das Sein. Leider ist dies auch heute vielerorts in der Arbeitswelt noch so: Letztlich geht es oft nur darum, sich vor anderen durchzusetzen. Wer die kantigeren Ellbogen hat, gewinnt.

Sich selbst nicht so ernst nehmen

Ich, die ebenfalls Abgängerin an der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern bin, habe mich an manchen Stellen sehr gut in der Geschichte wiedergefunden. Manchmal habe ich laut gelacht, manchmal auch etwas mit den Zähnen geknirscht. Und dann hat mich das Buch daran erinnert: Manchmal darf man sich selbst und das Leben einfach nicht allzu ernst nehmen.

👉 «Ellbogenland» ist humorvoll, direkt und philosophisch. Manchmal leicht politisch und ansonsten einfach nur menschlich. Das 170-seitige Taschenbuch liegt gut in den Händen und passt mit den kurzen Kapiteln wunderbar für unterwegs. Hab ich gerne gelesen.

Das Cover von Ellenbogenland von Stephan Weiner ist ganz in schwarz-weiss gehalten. Es erinnert an ein schwarzes Schulheft mit weissem Etikett. Auf dem Etikett steht der Titel und Autorenname, an der unteren Seite des Covers ist das Verlagslogo gedruckt.

Ellbogenland

neu durchgelesene und erweiterte Fassung des 2012 bei Edition Die Nische erschienen Romans

von Stephan Weiner

Container Press | 2023 | 170 Seiten

ISBN 978-3-948172-10-7 | Taschenbuch

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar von Autor

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

vier + sechs =

Das Buchcover von «Was es braucht, das Leben zu lieben» von Fatou Diome wird von einer Hand vor die grünen Blätter einer mächtigen Strelitze gehalten. Im Hintergrund sind Fenster mit Holzrähmen zu sehen.

Fatou Diome: Was es braucht, das Leben zu lieben

Roman | In «Was es braucht, das Leben zu lieben» von Fatou Diome fand ich eine Sammlung von Kurzgeschichten, die alle dieselbe Frage zu beantworten versuchen: Was brauchen wir, um das Leben lieben zu können?

Christian Schmid: Da hast du den Salat

Hast du gewusst, dass das Mundart Wort «Taburetli» linguistisch gesehen von der Trommel abstammt? Christian Schmid erklärt mit linguistischem Ansatz zahlreiche Begriffe und Redensarten rund um die Küche.

Smartphone vor Eukalyptus, das Cover des Buches auf dem Bildschirm

Marco Balzano: Ich bleibe hier

Roman | Umgeben von Bergen liegt der Reschensee, unschuldig glitzert er im Sonnenlicht und birgt in seinen Tiefen eine düstere Geschichte. Von Graun in Vinschgau ist die Rede und vom Kirchturm von Alt-Graun, der mitten aus dem Bergsee ragt. Balzano erzählt von einer Zeit und einem Ort zwischen italienischem Faschismus und deutschem Nationalsozialismus.