Eve Harris: Die Hoffnung der Chani Kaufman

Roman | Das oberste Ziel in einer jüdisch-orthodoxen Ehe ist klar: «Seid fruchtbar und mehret euch.» Doch was, wenn das erhoffte Kind einfach nicht kommen will?
TAGS: Romane
Das Buchcover liegt zwischen grünen Pflanzen, wobei linkt oben im Bild eine violette Blüte zu sehen ist.

«Seid fruchtbar und mehret euch»

Nach ihrer Hochzeit reisen Chani Kaufman und Baruch Levy von London nach Jerusalem, wo Baruch studiert, um Rabbiner zu werden. Und Chani? Ihre Aufgabe wäre es, ein Kind zu gebären. Doch wo bleibt es?

Trotz aller Bemühungen und Gebete ist auch nach 10 Monaten Ehe noch kein Kind da und Chani bekommt es mit der Angst zu tun. Nach den strengen jüdisch-orthodoxen Regeln hätte ihr Mann das Recht, sich scheiden zu lassen, wenn sie ihm kein Kind gebären kann.

Gemeinsam kehrt das Paar nach London zurück, um einen Fruchtbarkeitstest durchführen zu lassen. Dort erfährt Chani, dass sie ihren Eisprung hat, wenn sie noch nidda, also «unrein» ist und von ihrem Mann nicht berührt werden darf – aber natürlich müsste, um ein Kind zu zeugen. Was werden die beiden also tun?

Zwischen jüdisch-orthodoxen Regeln und individueller Freiheit

Kennst du dich im jüdisch-orthodoxen Alltag aus? Nun ich muss gestehen: Ich hatte keine Ahnung. Nun habe ich eine, denn in «Die Hoffnung der Chani Kaufman» porträtiert Eve Harris das Leben in einer ebensolchen jüdisch-orthodoxen Gemeinde. Sie spricht über unbequeme Wahrheiten, gibt den Freidenkern ihre Stimme und zeigt mehrere Figuren, die sich auf die eine oder andere Weise von den sehr strengen Regeln befreien wollen.

Da ist zum Beispiel der Jeschiwa-Student, dem alles zu viel wird und der nach Tel Aviv flieht. Oder die Ehefrau und Mutter, die ungläubig wird und mit den Konsequenzen des Ausschlusses aus der Kehilla leben muss. Oder Chani, die zwar gläubig ist, aber durch ihre ausweglose Situation gezwungen wird, die Welt plötzlich mit anderen Augen zu sehen.

Die Rolle der Frau in der jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft

Frauen haben in der jüdisch-orthodoxen Gemeinde wenig Rechte. Sie tragen nicht nur einen Scheitel oder ein Kopftuch, sobald sie verheiratet sind, sondern haben auch sonst wenig Freiheiten. Ihre Hauptaufgabe ist es, Nachkommen zu gebären.

So wird den jungen Ehefrauen offenbar auch nahegelegt, in den Tagen vor der Hochzeit eine Pille zu nehmen, damit sie nicht in der Hochzeitsnacht ihre Tage bekommen. Nach ihrer Menstruation müssen die Frauen ein rituelles Bad nehmen, um sich zu reinigen. Und die Rabbiner schreiben vor, ab welchem Tag die Frauen wieder Sex haben dürfen:

«Die Rabbis machen die Regeln. Nicht HaSchem. Männer sagen dir, wann du Sex haben darfst und wann nicht.»

– Seite 308

Das ist doch erstaunlich, nicht? Warum lassen sich Frauen das gefallen? Natürlich ist das eine Frage der Tradition und des Glaubens. Aber dennoch – das Zitat trifft meines Erachtens den Nagel auf den Kopf: Nicht der Glauben per se engt ein, sondern die Interpretation desselben.

👉 Eve Harris stellt in «Die Hoffnung der Chani Kaufman» die glaubensbedingte Ungerechtigkeiten zwischen Mann und Frau in den Mittelpunkt, zeigt aber am Beispiel ihrer Hauptfiguren Chani und Baruch auch, dass es anders geht. In einem Glossar am Ende des Buches erklärt sie relevante Begriffe wie nidda, Kehilla usw. Ein Buch, das mir wieder einmal eine neue Welt eröffnet hat.

Übrigens, es gibt eine Vorgeschichte: Die Hochzeit der Chani Kaufman. Darin geht es um die Hochzeit der 19-jährigen Chani Kaufman mit dem angehenden Rabbiner Baruch Levy – eine Liebesgeschichte in einer Welt voller jüdisch-orthodoxer Regeln, die in dem hier vorgestellten Buch ihre Fortsetzung findet.

Das Cover zeigt ein weibliches Portrait, wobei die Porträtierte eine rote Frucht so ins Gesicht hält, dass es scheint, als träge sie ein Monocle.

Die Hoffnung der Chani Kaufman

von Eve Harris

übersetzt von Kathrin Bielfeldt

Diogenes Verlag | 2024 | 512 Seiten

ISBN 978-3-257-07255-6 | Hardcover mit Umschlag

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar von Verlag

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