Dr. med. Mirriam Priess: Burn-out kommt nicht nur von Stress

Dr. med. Mirriam Priess schaut hinter die Kulissen eines Burnouts und geht dem Phänomen feinfühlig, aber bestimmt auf den Grund. Sie erklärt, warum ein Burnout als gesunder Regulierungsmechanismus und als Aufforderung zu leben verstanden werden kann und soll.

«Burn-out ist längst eine gesellschaftliche Frage unserer Zeit geworden, eine Frage der westlichen Kultur», schreibt Dr. med. Mirriam Priess im letzten Kapitel ihres Buches Burn-out kommt nicht nur von Stress. Und damit hat sie vermutlich Recht.

Es fühlt sich gut an, dass jemand genau hinschaut. Dass jemand versucht zu verstehen, statt nur «Symptom-Bekämpfung» zu betreiben. Und genau darum mag ich Dr. med. Mirriam Priess und kann ihr Buch einfach nur empfehlen.

Burnout – ein gesunder Regulierungsmechanismus

Burn-out ist der Ruf nach einer Heimat, der Ruf nach Identität und nach wesensgemässem Leben.

Stress wird da empfunden, wo etwas nicht ist, wie man es will. Stress entsteht aber auch aufgrund Kompensation, die zu weiteren Konflikten führen kann. Stress ist darum bei einem Ausbrennen öfter Symptom als Ursache.

Bei genauerem Hinsehen wird klar: Das Burnout entsteht nie nur aufgrund voller Terminplänen, sondern innerhalb von Beziehungen (mit innen und aussen). Burnout ist eine natürliche Konsequenz, wenn einer inneren Realität über längere Zeit keine Beachtung geschenkt wird; wenn der Dialog nach innen und aussen nicht (mehr) funktioniert, wenn keine Kommunikation auf Augenhöhe stattfindet. Burnout Patienten verdrängen ihre Gefühle fast ausnahmslos, kapseln sie einfach ab. Ihnen ist dabei nicht klar, dass sie sich damit noch weiter in den Schlamassel reiten.

Ein Burnout resultiert letztlich, wenn Hilflosigkeit und Angst konsequent ignoriert worden sind und Wut und Aggression nach innen gerichtet diese Welt ohne Ventil «implodieren» lassen. So betrachtet ist ein Burnout nichts anderes als ein letzter Überlebenshilferuf der inneren Identität. Eine deutliche Aufforderung: «So geht es einfach nicht mehr weiter!»

Mit dem Dialogprinzip zum Gespräch auf Augenhöhe

Die Beratung von Dr. med. Mirriam Priess basiert auf Arbeitserfahrungen aus der Psychosomatik. Priess arbeitet aus voller Überzeugung mit dem Dialogprinzip. Ihre Message: Seit im Dialog mit euch selber, dann könnt ihr auch im Dialog mit aussen sein. Und mit Dialog ist ein Gespräch auf Augenhöhe gemeint. Ausserdem müssten Therapien tiefer greifen, so Priess:

Eine erfolgreiche Burn-out Behandlung sieht anders aus, als sich nur um bloßes Zeitmanagement zu kümmern oder sich willentlich vorzunehmen, von jetzt an einfach mal mehr Grenzen zu ziehen.

Sie kritisiert, dass an vielen Ausbildungsstätten noch immer überwiegend gelehrt wird, was die Krankheit bedeutet, dass das Verständnis für die Gesundheit und Genesung aber leider oft links liegen bleibt. Hier sei ein Umdenken angebracht, sowohl in der Lehre als auch in der Praxis, damit Burnout Patienten wirklich geheilt werden könnten. Und dies bedeute in der Behandlung «sich mit dem Betroffenen auf die Suche nach dem Selbst zu machen».

Praxisnah und informativ

Flüssig und anschaulich geschrieben, bietet dieses Buch fundiertes Praxiswissen. Es schaut genau hin, redet nichts schön, bietet Hilfeleistung zur Selbsthilfe und ebenso die Aufforderung, Selbstverantwortung zu übernehmen. Schuldzuweisungen führten zu nichts, so Priess. Viel sinnvoller sei es, zu akzeptieren, dass die Vergangenheit zwar nicht, wohl aber die Gegenwart und Zukunft verändert werden können.

Burn-out kommt nicht nur von Stress

von Dr. med. Mirriam Priess

Goldmann Verlag | 2019 | 240 Seiten

ISBN 978-3-442-17797-4 | Taschenbuch

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