David Bielmann: Angelina

Familiengeschichte und Ahnenforschung | David Bielmann taucht in seinem Buch tief in die Geschichte seiner Familie ein und offenbart faszinierende, aber auch verstörende Erkenntnisse. Das Buch ist nicht nur eine Hommage an seine Grossmutter, sondern auch ein wichtiger Beitrag fürs kollektive Gedächtnis.
Das Buch steckt zwischen den schmalen Ästen eines Baums, was das Buchcover visuell widerspiegelt.

Angelina und die «Mosers»

In seinem Buch «Angelina» be- und durchleuchtet David Bielmann das Leben und Wirken seiner Vorfahren. So zum Beispiel Johann Friedrich Moser, den «Stammvater» der Familie Moser. Dieser wird von einigen schlicht «Abraham» genannt wird, weil er so viele Kinder und Enkel:innen hat.

Von seinen neun Kindern bis zu den zahlreichen Nachkommen seiner Tochter Marianne – Johann Friedrich Mosers Einfluss auf die Familiengeschichte ist unübersehbar. Angelina, die Titelträgerin des Buches, ist die Grossmutter des Autors. Ihre Geschichte behandelt Bielmann mit besonderem Interesse. Und das nicht nur, weil er sie noch persönlich gekannt hat.

Pro Juventute verfolgt die «Kinder der Landstrasse»

Angelinas Geschichte steht in Zusammenhang mit Pro Juventute und deren Projekt «Kinder der Landstrasse». Ein Hilfsprojekt, bei dem Herr Dr. Siegfried armen Kindern ein neues Leben verschaffen will, indem er sie von ihren «Vaganten»-Familie trennt, wie er sie nennt.

Ein solches Kind ist auch Angelina, denn die Mosers sind arm und verdienen ihr Geld teilweise als Hausierer:innen. Nur – Angelina und ihre Familie wollten diese möglicherweise gut gemeinte Hilfe gar nie.

«Wie konnte es zu dieser Hetzjagd auf einige ausgewählte Familien kommen?»

– Seite 188

Eine Frage, die Bielmann in seinem Buch zu beantworten versucht. Das «Hilfsprojekt» wurde übrigens 1972 vom «Beobachter» angeprangert, was zur Auflösung desselben in 1973 führte.

Nazifizierung in der Schweiz

Die Nazifizierung in der Schweiz ist ebenfalls ein zentrales Thema in Bielmanns Buch «Angelina». Bielmann stellt politische Ereignisse und deren Auswirkungen in den Rahmen seiner Familiengeschichte und zeichnet dadurch ein eindrückliches Bild der damaligen Zeit. Auch zeigt er, dass die Nazifierung nicht nur in Deutschland ein Thema war, sondern genauso hier in der Schweiz:

«Die Schweizer, die in ihrem freien Land lebten, sie waren ob so viel Freiheit blind geworden. Die Nazifizierung hatte längst begonnen, doch sie sahen es nicht.»

– Seite 201

Es ist wichtig, dass wir uns erinnern. Besonders heute, wo Antisemitismus vielerorts wieder in Mode zu kommen scheint.

Ahnenforschung fürs kollektive Gedächtnis

Bielmanns Buch ist nicht nur eine Sammlung von Geschichten, sondern auch ein wichtiges Zeugnis der Geschichte. Durch die sorgfältige Recherche (zum Beispiel der Schwabenkinder, wovon übrigens auch Bielmans Ururgrossvater Paul Fidel Parpan eines war) und die einfühlsame Darstellung der Ereignisse leistet der Autor einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der Vergangenheit und zum Erhalt des kollektiven Gedächtnisses.

👉 Beim Lesen habe ich mich fast ein bisschen wie eine Zeitreisende gefühlt. Die einzelnen Figuren trifft man in unterschiedlicher Zeit, in unterschiedlichem Alter und aus unterschiedlicher Perspektive an. Ein Puzzleteil führt zum nächsten und so ergibt sich nach und nach das Gesamtbild.

Ein schönes Detail: Ein rotes Band wird zum «roten Faden» der Geschichte und verbindet die einzelnen Erzählungen miteinander. Wie eine Stafette wird das Band über Generationen weitergegeben – was für eine schöne Symbolik!

Das Cover von Angelina zeigt einen Baum, der umgekehrt abgebildet ist, sodass er einem Stammbaum gleicht. Das Cover ist in Brauntönen gestaltet und zeigt viel Weissraum.

Angelina – Verlorene Familie

von David Bielmann

Zytglogge Verlag | 2023 | 264 Seiten

ISBN 978-3-7296-5134-0 | Hardcover

Zum Buch

Disclaimer: Rezensionsexemplar vom Autor und Verlag

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