Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41

«Entschuldigen Sie, sitzt neben Ihnen schon jemand?» – Nicht diese idiotische Frage wirft Cécile aus der Bahn, sondern der Mann, der im Inbegriff ist, sich neben sie zu setzen: Philippe Leduc. Ihre Jugendliebe von vor dreissig Jahren. Das hat ihr gerade noch gefehlt! Verwirrt und plötzlich wütend schüttelt sie den Kopf und räumt energisch ihre Tasche weg, insgeheim hoffend, er habe sie nicht erkannt. Doch das hat er.
TAGS: Romane

Das Hugendubel BOOKSTOCK-Festival, welches vom 18. bis 21. Juni 2020 stattfand, stand ganz unter dem Motto «Liebe auf den ersten Satz». Via Livestream führten die Moderatoren Maren Vivien und Florian Valerius während vier Tagen Interviews mit Autorinnen und Autoren, debattierten über Liebesromane, sogar ein Schreibworkshop oder Herzchakra Yoga standen auf dem Programm.

Als der Buchhändler und Blogger Florian mit Frank Berzbach über die siebte Variation in «Die Schönheit der Begegnung» sprach, in der es um eine Begegnung im Zug nach Paris ging, gab ersterer spontan die Empfehlung für «6 Uhr 41» ab. Florian hat regelrecht für «6 Uhr 41» geschwärmt – was dazu geführt hat, dass ich mir das schmale Goldmann-Büchlein in hübscher ocker-goldener Farbe einmal genauer angesehen habe.

Um was gehts?

Als Cécile aus dem Fenster des TER schaut, der das französische Troyes pünktlich um 6 Uhr 41 in Richtung Paris verlässt, empfindet sie beides: Ärger und Vorfreude. Ärger darüber, dass sie wieder einmal ein Wochenende bei ihren schwierigen Eltern in den Sand gesetzt hat, Vorfreude auf die entspannte Zugfahrt, die noch vor ihr liegt. Der Sitz neben ihr ist als einziger frei und bleibt es auch. Zumindest vorläufig.

Entschuldigen Sie, sitzt neben Ihnen schon jemand?

Nicht diese idiotische Frage wirft Cécile aus der Bahn, sondern der Mann, der im Inbegriff ist, sich neben sie zu setzen: Philippe Leduc. Ihre Jugendliebe von vor dreissig Jahren. Das hat ihr gerade noch gefehlt! Verwirrt und plötzlich wütend schüttelt sie den Kopf und räumt energisch ihre Tasche weg, insgeheim hoffend, er habe sie nicht erkannt. Doch das hat er.

Ein Kammerspiel aus Erinnerungen

Während den nächsten eineinhalb Stunden bis Paris versuchen Cécile und Leduc krampfhaft nicht miteinander ins Gespräch zu kommen. Emotionen keimen auf, Szenen werden vor dem inneren Augen noch einmal abgespielt. Wir erfahren von bitter-süssen Erinnerungen und von jenem London-Ausflug, bei dem ein zartes Liebesglück abrupt sein Ende fand.

Mit steigender Seiten- und Kilometerzahl wird das Schweigen immer unerträglicher. Cécile steht auf, geht zur Toilette, rempelt dabei Leduc an, entschuldigt sich. Als sie zurückkommt, erneut betretenes Schweigen. Sie starrt aus dem Fenster, er auf die Lücke zwischen seinen Schuhen. Trotz der physischen Nähe fühlen sie sich unfassbar weit voneinander entfernt. Damals waren sie sich nah gewesen.

Heute sind die Rollen neu verteilt: Sie, das fade Mauerblümchen von damals ist mittlerweile eine erfolgreiche Geschäftsfrau, schön und selbstbewusst. Er, der strahlende Mädchenschwarm sitzt zusammengesunken in seinem Stuhl, gealtert und gescheitert. Die Zeit hat bei beiden ihre Spuren hinterlassen.

Denkst du darüber nach, Philippe? Über dein grandioses Scheitern, das dazu geführt hat, dass du wie ich im 6-Uhr-41-Zug sitzt?
Nur dass ich, dank dir, nicht die bin, die ich zu sein scheine. Auch wenn mich die Ameise in meinem Innern wieder einmal dazu gebracht hat, zweiter Klasse zu fahren, obwohl ich mir ohne weiteres die erste Klasse hätte leisten können.
Ich versuche, dich zu ergründen, während dein Kopf nur wenige Zentimeter von meinem entfernt ist – doch es gelingt mir nicht.
Du bist unergründlich, Leduc. Aber das ist wahrlich dein kleinster Fehler.

Die Intimität des Schweigens

Der grösste Teil der 95-minütigen Zugfahrt vollzieht sich im Schweigen. Aber das bedeutet nicht etwa Langeweile, nein. Im Gegenteil: Wir nehmen die Erinnerungen der Protagonisten dadurch intensiver wahr. Den innersten Gefühlen und Ängsten wird Platz eingeräumt und wir werden zu den Auserwählten, die diesem intimen Prozess beiwohnen dürfen. 

Werden Cécile und Leduc tatsächlich ohne ein Wort zu wechseln in Paris Gare-de-l’Est aus dem Zug steigen und wieder getrennte Wege gehen?

Ein spannendes Gedankenspiel um das «Was wäre wenn?», über Sehnsüchte und Wünsche des mittleren Alters, über Familie und Arbeit, Alltag und Freiheit. Treffsicher formuliert Jean-Philippe Blondel ein Buch, das sich flüssig liest, in manchen Zeilen nachdenklich stimmt, aber auf jeden Fall eines ist: lesenswert.

Tipp: Diese Lektüre eignet sich wunderbar für unterwegs. 😉  Bon voyage!

6 Uhr 41

von Jean-Philippe Blondel

Goldmann Verlag | 2016 | 192 Seiten

ISBN 978-3-442-48374-7 | Taschenbuch

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